Kultur : Weltkulturerbe ja - aber die Konsequenzen!

BERNHARD SCHULZ

Nichts ist wirklich passiert, und doch ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.Die Anmeldung der Berliner Museumsinsel zur Liste des "Unesco-Weltkulturerbes" hat sich zu einer mittleren Affäre ausgewachsen.

Was ist geschehen? Am Wochenende verlautete, die Senatskanzlei sei beim Bundesaußenminister vorstellig geworden mit der Bitte, die vorbereitete Anmeldung der Museumsinsel zur besagten Unesco-Liste nicht zu befördern, sondern den Antrag zurückzustellen, bis die Unterlagen seitens der Stiftung Preußischer Kulturbesitz abschließend bearbeitet sein würden.Falscher Alarm - denn inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Unterlagen bereits im Juni weitergeleitet worden sind.Doch der Streit ist da.Die Preußen-Stiftung, Trägerin der 17 Staatlichen Museen und Hausherrin der Bauten auf der Insel zwischen den beiden Armen der Spree, zeigt sich verärgert über den Schwarzen Peter, der ihr unvermutet zugespielt wurde.Immerhin ist der Wunsch, die Museumsinsel auf der renommierten Welterbeliste verzeichnet zu sehen, nicht ganz taufrisch.Bereits vor sechs Jahren wurde das vielgestaltige Ensemble aus einhundert Jahren Baugeschichte zwischen 1830 und 1930 zur Anmeldung nominiert.

Viel Lärm um einen schönen Titel? Ja und nein.Seit den tiefgehenden Zerwürfnissen in Potsdam, die sich an der Unesco-Klassifizierung der Schlösser- und Gärtenlandschaft der einstigen preußischen Residenz entzündet hatten, wird die Sprengkraft der Unesco-Liste deutlich.Auf der Liste des Welterbes verzeichnet zu sein, ist bei weitem nicht nur ein Schmucktitel, mit dem sich Lokalstolz heben und Tourismus fördern läßt.

Erst vor gut 25 Jahren wurde die "Internationale Konvention für das Kultur- und Naturerbe der Menschheit" von der in Paris ansässigen Unesco verabschiedet.Über 140 Mitgliedsländer der "Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation" - so der volle Name der Unesco in amtlicher Übersetzung - sind der Konvention mittlerweile beigetreten und haben sie ratifiziert.Diese Konvention definiert das "kulturelle und natürliche Erbe", hält die Verantwortung eines jeden Teilnehmerstaates "zur Sicherung effektiver und aktiver Maßnahmen für den Schutz, die Erhaltung und die Darbietung" solchen Erbes fest und beschreibt darüberhinaus ein Welterbe, "für dessen Schutz die Völkergemeinschaft als Ganzes zur Zusammenarbeit verpflichtet ist".Goldene Worte - denn zugleich bekräftigt die Konvention "die volle Respektierung der Souveränität der Staaten".Sanktionen bei Verstößen sind nicht vorgesehen - einzig und allein die Streichung von der begehrten Liste.

Damit war den Potsdamer Stadtvätern bereits gedroht worden.Neben der begehrten Liste existiert auch eine gefürchtete für "Welterbestätte in Gefahr".Darauf verzeichnet zu sein, ist zumal eines Landes mit langer denkmalpflegerischer Tradition schlicht unwürdig.Nur wenn ein Objekt, ein Ensemble, ein Denkmal erst einmal zur Weltkulturerbeliste angemeldet und von der entsprechenden Unesco-Kommission angenommen worden ist, gereicht schon der bloße Verdacht auf Nichtbeachtung der verbindlichen Grundsätze zur Schande.In Potsdam konnte die Gefahr noch einmal abgewendet werden; immerhin tagte die Unesco-Delegation unter Leitung ihres deutschen Vorsitzenden Bernd von Droste zu Hülshoff im Dezember 1995 in Berlin und nahm die Gelegenheit wahr, sich persönlich über die umstrittenen Bauvorhaben zu informieren.

Seit der Aufnahme unter anderem des Kölner Domes und der Dessauer Bauhaus-Stätten im vergangenen Dezember sind 19 Objekte auf deutschem Boden in der Welterbeliste verzeichnet.Deren Gesamtumfang beträgt mittlerweile 552: 418 Kultur- und 114 Naturdenkmale sowie 20, die beiden Kategorien zuzählen.Ursprünglich beschränkte sich der Kreis der deutscherseits angemeldeten Objekte auf klassische Kulturdenkmale: die Dome von Aachen und Speyer, die Würzburger Residenz, die Schlösser in Brühl bei Bonn oder die bayerische Wieskirche.Mit der Eintragung der Altstadt von Lübeck im Jahre 1987 kam erstmals ein städtisches Ensemble auf die Liste, das zwar als Ganzes, aber nicht in allen seinen Teilen geschützt werden kann.

Die Unesco hat keine oder nur minimale Mittel, um die durch ihre Liste herausgehobenen Objekte materiell zu unterstützen; und wenn, fließen Gelder zu Recht in mittellose Länder.Deutschland zählt gewiß nicht dazu.Hier zählt der ideelle Wert der Unseco-Klassifizierung als "Stätte von außergewöhnlichem und universellem Wert".Dafür gibt es eine Reihe von Kriterien, sechs für Kultur- und vier für Naturgüter.Sie sind naturgemäß interpretationsfähig und -bedürftig.Was aber die Kommission einmal in die Liste aufgenommen hat, unterliegt einem strengen - und vor allem regelmäßig kontrollierten - Regelwerk hinsichtlich Nutzung, Erhaltung und Veränderung.Und da wird mit dem "Erhaltungsplan", den der jeweilige Staat bei der Anmeldung vorzulegen hat, für den Träger des Erbstücks aus der Lust leicht eine Last.

Genau darin liegen die Probleme der Museumsinsel.Bei ihr geht es im Kern um die zukünftige Nutzung und die damit verbundenen Baumaßnahmen.Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verweist darauf, daß es ein Gesamtkonzept für die Maßnahmen auf der Museumsinsel noch nicht gibt und nicht geben kann, unter anderem weil die Planung für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Neuen Museums erst im Entwurf vorliegt und derzeit von dem beauftragten Architekten David Chipperfield bis zur Entscheidungsreife konkretisiert wird.Ferner bereitet die Generaldirektion der Staatlichen Museen einen "Masterplan" für die Insel vor, der über die derzeit vom Stiftungsrat - insbesondere also von den Geldgebern Bund und Land Berlin - gebilligten und finanzierbaren Vorhaben hinausgeht und die zukünftige Entwicklung beschreibt.Er soll Anfang 1999 vorliegen.

Der Landesdenkmalrat, aus dessen Reihen der Aufschrei des vergangenen Wochenendes ertönte, liegt seit jeher mit der Generaldirektion der Museen, sprich mit Generaldirektor Wolf-Dieter Dube, im Streit.Dessen Visionen für einen "deutschen Louvre", für einen durch eine gemeinsame Wegführung für die Besucher hergestellten Verbund der Museen auf der Insel anstelle der derzeitigen Einzelbauten, treffen seit Jahren auf den Widerstand der Denkmalpfleger.Bei der Vorstellung der Chipperfield-Planung für das Neue Museum im vergangenen Dezember allerdings hatte es den Anschein, daß sich beide Seiten auch auf die vorgeschlagenen Verbindungsbauten zwischen den einzelnen Häusern geeinigt hätten; Gegenteiliges war vom anwesenden Landesdenkmalpfleger, Jörg Haspel, nicht zu vernehmen.Mittlerweile aber, so wird im Landesdenkmalrat geargwöhnt, bereiten die Museumsoberen im stillen Kämmerlein Veränderungen am Pergamonmuseum und der Präsentation seiner publikumsträchtigsten Schätze Pergamon-Altar sowie Ischtar-Tor vor, die den mühsam erreichten Kompromiß zwischen den beiden Seiten untergraben.

Doch dieser Streit schwelt unter der Oberfläche.Der Streit um die Anmeldung der Museumsinsel dreht sich bislang um Verfahrensfragen.Aus dem Hause des Stadtentwicklungssenators Strieder - dem die Denkmalpflege zugeordnet ist - wurden die Unterlagen rechtzeitig auf den Weg gebracht.Da es kein Bundesministerium für die der Welterbekonvention geforderte staatliche Anmeldung gibt, müssen sich die 16 Länderkulturminister im Rahmen der Kultusministerkonferenz (KMK) einigen.Genau dieses Procedere - wurde anfangs bemängelt - habe die Strieder-Behörde nicht eingehalten und stattdessen unmittelbar das Außenministerium eingeschaltet.Dazu steht im Widerspruch, daß die KMK die Museumsinsel bereits auf ihrer 261.Plenarsitzung Ende 1992 nominiert hat.Die Preußen-Stiftung wiederum beklagt, die Senatsverwaltung habe den Antrag weitgehend an ihr vorbei ausgearbeitet.Museums-"General" Dube will sich zum Landesdenkmalrat "überhaupt nicht mehr äußern" und verweist auf den in der Feinarbeit befindlichen Masterplan.Aus der Senatskanzlei verlautete zunächst, man wolle mit der Unesco um "Terminverlängerung" ringen, bis offenkundig wurde, daß der Antrag bereits in Paris liegt.Nun sollen sich die politisch konkurrierenden Senatoren Strieder (SPD) sowie Radunski (CDU) - zuständig für die Preußen-Stiftung - mit den Museumsoberen zusammensetzen, um im Eilverfahren über die ausstehende Leitplanung für die "Insel" Einigkeit zu erzielen.Zurückhaltend äußert sich Landeskonservator Jörg Haspel.Ein Urteil will er erst nach Vorlage des "Masterplans" abgeben; im Augenblick müsse der Antrag "nachgearbeitet" werden.Haspel beschwört das gemeinsame Interesse an der Unesco-Eintragung - so nachdrücklich, als ob er daran zweifele.

Die Unesco-Kommission tagt einmal im Jahr, im Dezember.Zwischen Antragstellung und Entscheidung vergehen wegen der erforderlichen Stellungnahmen der internationalen Fachverbände für Denkmalpflege (ICOMOS) und Naturschutz (IUCN) sowie des Museumsbundes (ICOM) gut zwei Jahre.Wer wenigstens zum Ende des Jahres 2000 mit dem Welterbe-Prädikat glänzen will, muß die Anmeldefrist vom 15.September einhalten.Danach darf es keine Änderungen am versprochenen Umgang mit dem Denkmal mehr geben.Das ist der eigentliche Berliner Konflikt.Doch wie in Sachen Museumsinsel auch vorgegangen wird - mit dem Streit um den Antrag ist das Vorhaben beschädigt, bevor sich die Unesco-Kommission überhaupt hat äußern können.

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