Weltkulturerbe : Weiche Linie, reicher Bestand

Das Unesco-Komitee ist den deutschen Kulturdenkmälern wohlgesinnt. Das Gütesiegel bringt Ehre, aber kein Geld.

Bernhard Schulz
Welterbe
Welterbetitel heißt Verpflichtung. -Foto: dpa

Die Unesco hat Deutschland dieser Tage durch ein wahres Wechselbad der Gefühle geschickt. Erst die drohende Aberkennung des Welterbestatus für das Dresdner Elbetal, dann der Aufschub der Entscheidung um ein Jahr; anschließend die Zustimmung zu einer Rheinbrücke in Sichtweite der Loreley im geschützten Mittleren Rheintal. Schließlich die Aufnahme der Berliner Sozialbausiedlungen der zwanziger Jahre als 33. deutsche und dritte Berliner Welterbestätte. Die befürchtete "harte Linie“ der Unesco hat sich als ausgesprochen weich erwiesen.

Denkmalschutz arbeitet pflichtbewusst

Zu Recht: Deutschland kommt seinen Verpflichtungen zur Pflege seiner Welterbestätten durchaus nach. Dass die Maßstäbe hier ein wenig höher ausfallen als anderswo, darf als Wertschätzung der hiesigen, hohen denkmalpflegerischen Standards verstanden werden. Es war richtig, Potsdam seinerzeit vom Bau eines klobigen Einkaufszentrums nahe dem Bahnhof abzuhalten – was dennoch gebaut wurde, fiel groß genug aus –, es war richtig, die Kölner von ihrem Hochhausfimmel in Sichtweite des geschützten Doms zu kurieren. Es war jedoch ebenso richtig, die Anstrengungen in den östlichen Bundesländern durch die Aufnahme zahlreicher Stätten, von Stralsund bis zum Bauhaus, zu würdigen.

Über die Anträge bei der Unesco, die seit 1972 Kultur- und Naturerbe auflistet und bis dato rund 860 Stätten aus 145 Ländern mit dem Prädikat versehen hat, stimmt in Deutschland die Kultusministerkonferenz ab. Die Initiativen kommen aus den Bundesländern, in denen bisweilen – wie in Sachsen – heftige Konkurrenz um die Nominierung ausbricht. Dass Berlin nun gleich dreimal auf der Liste vertreten ist, hat mit dem Charakter als Stadtstaat zu tun. Ein Flächenland wird eine Stadt kaum ein zweites Mal vorschlagen, solange es noch regionale Mitbewerber zu berücksichtigen gilt.

Italien ist Spitzenreiter

Die Auswahl der Unesco aus denweltweiten Anträgen (http://whc.unesco.org) erfolgt nach übergreifenden Kriterien. Dass Italien (41) und Spanien (40) die Spitzenreiter bilden und etwa Griechenland mit nur 17 Stätten weit hinter China (36) , Frankreich (31) oder Mexiko (27) rangiert, liegt vor allem an der Antragspraxis der jeweiligen Länder, an ihren kulturpolitischen Gepflogenheiten und dem Umgang mit ihren historischen Stätten.

Zurzeit legt die Unesco ihrerseits großen Wert auf stärkere Berücksichtigung der nichtwestlichen Welt; so wurde bei der aktuellen Tagung in Quebec mit der archäologischen Stätte Al Hidschr erstmals Saudi-Arabien aufgenommen. Ebenso steht die Ausweitung eines tradierten, hochkulturell verengten Kulturbegriffs auf dem Plan – wie die gestrige Aufnahme der historischen Schweizer Bahnlinie in Graubünden beweist. Allerdings erweist sich die Eingrenzung des Naturerbes oft als schwierig. Ebenso lässt sich bei „Kulturlandschaften“ wie dem Dresdner Elbetal der schützenswerte Bestand nicht so klar definieren wie beim einzelnen Bauwerk.

Kommitteemitglieder verlassen sich auf Gutachter

21 Köpfe zählt das Welterbekomitee, bestehend aus denkmalpflegerisch oder kulturell versierten Vertretern von 21 Ländern, die im Vierjahresturnus wechseln. Da nicht jedem Mitglied die Feinheiten etwa der Dresdner Verkehrsplanung vertraut sein können, verlässt sich das Komitee auf Gutachten, insbesondere die von Icomos, dem International Council on Monuments and Sites mit seinen 110 Nationalkomitees.

Das deutsche Icomos-Komitee evaluiert mit einem geregelten Beobachtungsverfahren die Neuanträge und behält ebenso die Pflege der bestehenden Stätten im Auge. Gerade Ensembles wie die geschützten Altstädte von Regensburg oder Quedlinburg unterliegen ständiger Veränderung, und nicht jedes Haus, jeder Giebel, jedes Kellergewölbe lassen sich so bewahren, wie sie zum Zeitpunkt der Antragstellung vorgefunden werden.

Gütesiegel bleibt ideelle Auszeichnung

Welche Verpflichtung Deutschland mit der Unterzeichnung der Unesco-Welterbekonvention eingegangen ist, bedarf noch immer der gesetzlichen Regelung. Denn die vom Bund ratifizierte Konvention greift nicht in die Kulturhoheit der Länder ein. Dieses rechtspolitische Versäumnis ist gerade am Dresdner Streitfall gerichtsnotorisch geworden.

Nun gibt es hierzulande eine gewachsene Denkmalschutzgesetzgebung. Sie ist von Bundesland zu Bundesland verschieden; noch stärker unterscheidet sich die Alltagspraxis. Denkmalschutz bei privaten Immobilien stellt einen Eingriff in die Eigentumsrechte dar – dafür locken auf der anderen Seite Fördermittel und Steuervergünstigungen, die den Besitz eines denkmalgeschützten Objekts attraktiv machen sollen.

Die Zahl der Konfliktfälle ist gleichwohl Legion. Dass es bei der überliegenden Zahl der weltweiten Unesco-Stätten der Tourismus ist, der gleichzeitig Lockmittel wie Bedrohung darstellt, haben die von der Unesco beklagten Zustände etwa in der Tempelstadt Angkor Wat im bitterarmen Kambodscha deutlich gemacht. So bleibt das – mit keinerlei finanziellen Zuwendungen verbundene – Gütesiegel zuallererst eine ideelle Auszeichnung, ein Ansporn, sich um sein Erbe aus eigener Verpflichtung zu sorgen.

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