Weltkunstschau : Documenta-Vorbereitung geht in heiße Phase

Vom 16. Juni bis 23. September öffnet die Documenta in Kassel wieder ihre Tore. Auch 2007 soll das Kunstereignis eine Schau der Superlative werden.

Kassel - Zwar hat Documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld dem weiteren Wachstum der Besucherzahl - sie kletterte von 130.000 bei der ersten Ausstellung auf 651.000 bei der Documenta 11 im Jahr 2002 - eine Absage erteilt: Mehr Gäste als vor fünf Jahren könne die Weltkunstschau nicht mehr verkraften, das Ziel laute deshalb schlicht: 651.000 plus eins. Und auch der künstlerische Leiter Roger M. Buergel gibt sich gerne bescheiden und versucht, sich den Erwartungen eines Massenspektakels zu entziehen. Doch gleichzeitig stößt er mit seinen Planungen in neue Dimensionen vor.

Buergel will nicht nur erstmals Bergpark und Schloss Wilhelmshöhe zu Documenta-Standorten machen, er plant auch die Errichtung einer riesigen temporären Ausstellungshalle: Vor der Orangerie in der Karlsaue soll ein transparenter Bau mit einer Grundfläche von 12.000 Quadratmetern geschaffen werden. Zum Vergleich: Die ehemalige Binding-Brauerei am Rande Kassels, die Buergels Vorgänger Okwui Enwezor für die Documenta 11 genutzt hatte, war gerade mal halb so groß. Das Fridericianum, das auch 2007 das Herzstück der Ausstellung bleiben soll, kommt auf 3500 Quadratmeter.

Hohe Kosten für Extra-Halle

Das unter dem Arbeitstitel "Kristallpalast" laufende Projekt ist so ambitioniert, dass es den 19 Millionen Euro umfassenden Etat der Documenta sprengt. Die Kosten für die Extra-Halle werden mit 3 Millionen Euro beziffert. Buergel hat deshalb einen "Initiativkreis" mit prominenten Wirtschaftsvertretern gegründet, der Spenden für das ehrgeizige Vorhaben sammeln soll.

Was Buergel in diesem Riesenpavillon und an den übrigen Ausstellungsorten - auch die Neue Galerie und die Documenta-Halle will er bespielen - zeigen wird, ist dagegen noch völlig unbekannt. Und wenn es nach dem künstlerischen Leiter und seinem Team geht, soll das auch bis zur Eröffnung so bleiben. "Zum Teil sind die Erwartungen der Medien ein bisschen neurotisch - um es vorsichtig auszudrücken -, was die Künstlerlisten und solches Zeug betrifft", sagt Buergel. Er sehe keinen Grund, vorzeitig Namen zu präsentieren.

Das tat er dann Anfang 2006 doch. Als er vor der Presse die ersten beiden Documenta-Teilnehmer nannte, sorgte er damit für viel Verwirrung: Eingeladen hat er den polnischen Tonkünstler Artur Zmijewski, der 2002 in Leipzig eine Bachkantate mit einem Chor aus Gehörlosen und Schwerhörigen aufführen ließ, und den spanischen Starkoch Ferran Adriá.

Blau-weiße Blechwannen

Aussagekräftiger für die Herangehensweise des Documenta-Chefs dürfte allerdings eher die Mitwirkung des brasilianischen Künstlers Ricardo Basbaum sein, der im September das erste Kunstprojekt der Documenta startete. Basbaum ließ 20 blau-weiße Blechwannen schweißen, 18 Kilogramm schwer mit einem Loch in der Mitte. Unter dem Motto "Would you like to participate in an artistic experience?" sollen die zweckfreien Objekte in Kassel sowie in 13 weiteren Städten dreier Kontinente von Haushalt zu Haushalt weitergereicht werden.

Was die zeitweiligen Besitzer damit anfangen, wird auf einer Internetseite gesammelt. So etwas gefällt Buergel: Er will nicht einfach Kunst ausstellen und Bilder an weißen Wände hängen, sondern die Menschen beteiligen und Prozesse sichtbar machen.

"Was tun?"

Unter drei Leitfragen hat Buergel die Documenta gestellt. Unter dem Motto "Ist die Moderne unsere Antike?" strebt er so etwas wie eine Archäologie der Gegenwart an. "Was ist das bloße Leben?" fragt nach Extremsituationen ohne Netz und doppelten Boden. Entscheidend aber ist für Buergel die Vermittlung der Kunst: "Was tun?" heißt darum die dritte, vor allem auf das Problem der Bildung zielende Frage. "Ich glaube, dass eine Ausstellung wie die Documenta, die in hohem Maße mit öffentlichen Geldern operiert und sehr repräsentativ ist, eine Verantwortung hat, die Lektion, die zeitgenössische Kunst bietet, auch unters Volk zu bringen", sagt Buergel.

Um einen engen Bezug zwischen der Documenta und den Kasselern herzustellen, hat Buergel einen Beirat aus engagierten Bürgern ins Leben gerufen. Die Leitfragen aber sollen nicht nur in Nordhessen, sondern weltweit beantwortet werden. Voraussichtlich Ende Januar erscheint das erste von drei geplanten Documenta-Magazinen, zu denen Zeitschriftenredaktionen aus aller Welt Essays, Reportagen und Interviews beisteuern werden. (Von Joachim F. Tornau, ddp)

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