Weltliteratur : Rilke meiden

Geburtstag, Rente, Kindersegen: Rainer Moritz plädiert für Zitatbeschränkung in Ausnahmesituationen.

Rainer Moritz

Jeder kennt das, diese quälende Stimmungslage, wenn man genötigt ist, sich in einem Gästebuch zu verewigen oder mit warmen Worten zur Hochzeit oder zum Eintritt ins Rentenalter zu gratulieren. Was schreibt man da? Wie gelingt es einem, Originalität und Intelligenz an den Tag zu legen? Auf das eigene, oft schnell erschöpfte Genie sollte man da nicht setzen; stattdessen greift man lieber in den Topf der Weltliteratur. Sich mit den Federn verblichener Denker zu schmücken, das ist aller Ehren wert, und vom Glanz des trefflichen Zitats wird schon etwas abstrahlen auf den, der es erwählte. Weil die meisten keine Zeit mehr für die Lektüre von Primärtexten haben, quillt der Buchmarkt über von Zitatenschätzen und Selbstbedienungszusammenstellungen, die das Leben leicht und schön machen.

„Zitate für Beruf und Karriere“ heißen diese Longseller dann unverblümt und leiten den Hilflosen an, „mit Zitaten einen Gesprächsbeitrag zu würzen, sich dabei kompetent zu zeigen und Sympathien zu gewinnen“. Freilich sollte man nicht blindlings zum Erstbesten greifen, denn es gibt Sentenzen, die im Lauf der Jahre muffige Patina ansetzen und so überraschend sind wie eine Fußballmeisterschaft des FC Bayern. Vorsicht zum Beispiel ist geboten bei Oscar Wilde, dessen Maxime „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin stets mit dem Besten zufrieden“ sehr gern von eingeschränkt kreativen Werbeagenturen zur Aufhübschung irgendwelcher Produkte genommen wird, vor kurzem zum Beispiel von der Veka AG, die extrastabile Fensterprofilsysteme herstellt.

Meiden sollte man auch das meiste von Rilke und Hermann Hesse, vor allem dessen Gedichte „Stufen“ und „Im Nebel“, mit denen Versicherungsdirektoren und Kreisräte ihre Nachdenklichkeit demonstrieren wollen. Ja, sogar Marcel Proust ist vor wüster Ausbeutung nicht gefeit, so dass ich mir bereits vor Jahren schwor, niemals wieder das Proust’sche Wort anzuführen von den verlorenen Paradiesen, die die wahren seien.

Selbst bei den schönsten Reflexionen stellt sich rasch ein Überdruss ein, der überdies auf diejenigen zurückfällt, die sich nicht die Mühe machen, seltene Gedankenblitze aufzuspüren. Neulich etwa bekam ich Geburtstagspost, zum einen von einem Pforzheimer Stromanbieter, zum anderen von einer Garmischer Raiffeisenbank. Beide wollten mir das Älterwerden mit einer Erkenntnis des amerikanischen Politikers Adlai Stevenson versüßen: „Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren.“ Seitdem stehe ich sowohl dem badischen Stromlieferanten (trotz seines ökologisch einwandfreien Angebots) als auch dem bayerischen Geldinstitut verhaltener gegenüber. Das haben sie von ihrer Einfallslosigkeit.

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