Weltrekord : Auf Sand gegründet, auf Öl gebaut

Das welthöchste Gebäude steht jetzt in Dubai.

Bernhard Schulz
Burj Dubai
Höhenrausch: Das "Burj Dubai", noch im Bau und schon Weltrekordhalter. -Foto: AFP

Ein viel beachteter Weltrekord hat sich am Wochenende um ein kleines Stückchen weiter hinausgeschoben: der für das höchste Gebäude der Welt. Mit 512 Metern übertrifft das „Burj Dubai“ den bisherigen Rekordhalter „Taipei 101“ bereits um vier Meter, ist aber, da noch im Bau, längst nicht an der Spitze angelangt. Wie viel die im Mehrheitsbesitz des ölbereicherten Emirs befindliche Projektgesellschaft anpeilt, ist top secret; 700 Meter gelten als ausgemacht, über 800 wird spekuliert. Denn die Angst vor plötzlich aus dem Wüstensand oder Asiens megacities auftauchender Konkurrenz ist groß.

Von einem „Wolkenkratzer“ kann man schlecht sprechen angesichts der Tatsache, dass der neue Rekordturm im wolkenlosen Dubai steht. Schon diese Marginalie zeigt, wie sich die Koordinaten des Hochhausbaus verschoben haben. Lange vorbei die Zeiten, da Paris mit dem Eiffelturm und seinen exakt 300 Metern als himmelsstürmendes Weltwunder bestaunt wurde. Bald schieden die Rekordrichter den „Turm“ als bloßes Gerüst vom stockwerksgeteilten, nutzbaren „Haus“ – so wurde denn das pragmatische Amerika zur Heimat des skyscrapers. Chicago, wo seine Konstruktionsprinzipien erfunden wurden, und New York, wo sie der Enge Manhattans wegen als ökonomisch sinnvoll gelten dürfen, wechselten sich im Wettstreit ab. Chicagos „Sears Tower“, 1974 bei 443 Metern vollendet, war der bislang letzte US-Rekordhalter. Er schien buchstäblich das Ende der Fahnenstange zu markieren.

Weit gefehlt. Denn seit einigen Jahren treten Akteure auf den Plan, denen knallharte Renditerechnungen für vermietbare Flächen zumindest nicht alles bedeuten. Eine Obergrenze für Wolkenkratzer ist kaum zu beziffern. Frank Lloyd Wright skizzierte bereits 1956 das „Mile High Illinois“, einen 1,6 Kilometer hohen Turm, der von Statikern schon damals als baubar beurteilt wurde. Das Problem: Mit zunehmender Höhe besteht die Grundfläche eines Hochhauses schließlich nur noch aus Aufzügen.

Neuartige Aufzugssysteme schieben auch diese Grenze weiter hinaus. Und seit es das Nonplusultra für Neureiche bedeutet, on top zu leben, verringert sich der Vertikalverkehr in die oberen Stockwerke. So kam schon Moskau zur Ehre von Europas höchstem Hochhaus, dem Apartmentgebirge „Triumphpalast“, der mit 264 Metern den Stolz von Mainhattan knapp überragt, Norman Fosters „Commerzbank“ mit 259 Metern. Apropos Foster: Er arbeitet gerade an einem Moskauer Projekt mit 610 Metern Höhe.

Der Osten, von Putins Zarenreich über die ölbeglückten Golfstaaten bis ins wirtschaftsboomende China, hat den Höhenrausch vom Westen übernommen. Dubais Turm sei auf Sand gebaut, mögen böse Zungen vom granitenen Eiland Manhattan höhnen. Doch wer tief gründet, kann hoch bauen, je tiefer, desto höher. In Tokio wie in Los Angeles waren Hochhäuser wegen der Erdbebengefahr jahrzehntelang Tabu – die Technik hat auch diese Herausforderung gemeistert, wie die heutige skyline beider Städte beweist.

Nur Berlin bleibt bei seinen Hundert-Meter-Häuschen und glaubt, die Welt mit dem Potsdamer Platz beeindrucken zu können. Das ist so weit von jedem Rekord entfernt, dass wir uns entspannt zurücklehnen können. Denn der Fernsehturm mit seiner bis auf 368 Meter ragenden Antenne zählt schließlich nur – als Turm.

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