Kultur : Weltstars und Fixsterne

Frank Noack

Von Hildegard Knef ist kürzlich wieder einmal behauptet worden, sie sei neben Marlene Dietrich der einzige deutsche Weltstar gewesen. Das stimmt nicht, bei allem Respekt vor Knefs Erfolgen am Broadway und auf dem US-Buchmarkt. Während Marlene Dietrich unangefochten an der Spitze unserer Exportartikel steht, gibt es wenigstens ein Dutzend Künstler aus Deutschland, die im Ausland genauso bekannt sind wie Hildegard Knef, wenn nicht sogar noch bekannter. Die Entscheidung darüber, welcher Deutsche ein Weltstar geworden ist, sollte man der ausländischen, vor allem der amerikanischen Fachliteratur überlassen. Und der zufolge rangieren weit vor Knef Männer wie Conrad Veidt, ein echter Berliner, der von „Caligari“ bis zu „Casablanca“ Filmgeschichte geschrieben hat, und der erste Oscar-Preisträger Emil Jannings. Außerdem gleichwertig neben ihr: Curd Jürgens, Hardy Krüger und Horst Buchholz. Und wer sagt denn, dass nur Filmschauspieler Weltstars sein können? Warum nicht die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, die Hardrock-Gruppe Rammstein, Sportler wie Max Schmeling, Steffi Graf oder Boris Becker, Models wie Claudia Schiffer?

Die Bedeutung von Emil Jannings lässt sich daran ermessen, dass das Arsenal in diesem Monat eine Jannings-Woche veranstaltet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Programmleiter wollten eigentlich nur an eine Zeit erinnern, in der das deutsche Kino noch Weltgeltung besaß und seine Künstler dutzendweise von Hollywood eingekauft wurden. Doch wer an diese Zeit erinnern will, kommt an Jannings nicht vorbei. Zwei Komödien und zwei Tragödien aus den Jahren 1924/25 stehen auf dem Programm. Paul Lenis Das Wachsfigurenkabinett ist ein Triumph des Ausstattungskinos, bei dem drei Episoden durch unterschiedliches Design voneinander abgehoben werden. Die Jannings-Episode handelt vom Sultan Harun-al-Raschid, der einer Bäckersfrau nachstellt und sich vor ihrem eifersüchtigen Mann verstecken muss. Jannings wurde kugelrund ausstaffiert und bewegte sich durch ebenso kugelrunde Dekorationen (Sonnabend). Der für seine entfesselte Kamera berühmte Friedrich Wilhelm Murnau inszenierte mit Tartüff einen reinen Theaterfilm, bei dem sich die Kamera fast nie bewegt. Die Aufmerksamkeit gilt ganz den Schauspielern, allen voran Jannings als heuchlerischem Moralisten Tartüff, dem es immer schwerer fällt, seine Triebe zurückzuhalten. Als „menschgewordenen Rülpser“ hat ihn der Kritiker Willy Haas bezeichnet (Sonntag). Bei F. W. Murnaus Tragödie Der letzte Mann konnte sich der Schauspieler weniger entfalten; hier stand die Technik im Vordergrund, und es raubt noch heute den Atem, wie elegant sich die Kamera durch Drehtüren und schmale Gänge bewegt (Montag). Ein weiteres technisches Meisterstück gelang Ewald André Dupont mit Varieté , dem Prototyp aller Zirkusfilme, für den der Kameramann aufs Hochseil klettern musste. Erstaunlicherweise hat sich niemand daran gestört, dass das Schwergewicht Jannings als Trapezkünstler total fehlbesetzt war. Wer hätte diesen Mann auffangen können? (Mittwoch)

Von den Schauspielern, die mit Jannings gearbeitet haben, lebt nur noch die 86-jährige Gisela Uhlen. Das Filmmuseum Potsdam hat ihre Erinnerungsstücke und Fotos erworben; aus diesem Anlass gibt es eine Filmreihe, die im nächsten Jahr fortgesetzt wird. Am Freitag erscheint der Altstar persönlich, wenn nacheinander Der stumme Gast (1945) und Der fallende Stern (1950) gezeigt werden. Vor allem der zweite Film ist wegen seiner Thematik beachtlich: Uhlen spielt eine brave Ehefrau, die angesichts des bevorstehenden Weltuntergangs Hunger nach Leben verspürt.

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