Kultur : Welttheater in nuce

Die Entstehung neuer Musik ist oft an das Engagement ihrer Interpreten gebunden.Der Klarinettist Eduard Brunner zum Beispiel hat zahlreiche Werke für sein Instrument angeregt.Auch "Office des Naufragés", die "Messe der Schiffbrüchigen" des französischen Komponisten Haridas Greif geht auf Brunners Anregung zurück.Das 13teilige Werk für Stimme, Klarinette, Klavier und Streichquartett wurde nun im Kleinen Saal des Schauspielhauses in der Konzertreihe des Vogler-Quartetts uraufgeführt.Vier Sätze konnte Greif jedoch nicht rechtzeitig fertigstellen, so daß das "liturgische Ritual", wie der Komponist seine apokalyptische Musik nennt, in einer zwar unvollständigen, mit gut 45 Minuten aber bereits recht ausgedehnten Fassung erklang.

Schiffbruch - das ist hier Metapher für unerlöstes menschliches Leben.Mit Texten von Paul Celan bis Virginia Woolf, von der hebräischen Liturgie bis zum englischen Volkslied wird ein Welttheater in nuce entworfen.Ein wenig erinnern Klang und Konzeption an Messiaens "Quartett vom Ende der Zeit", doch herrscht hier ein härterer, düsterer Duktus vor: Zum Beispiel im 12.Satz, der das schlichte englische Volkslied "Little boy blue", von Maria Husmann solo vorgetragen, scharf kontrastiert mit Celans "Ein Knirschen von eisernen Schuhen" - fortissimo, in brutalen Akkorden und elektronisch verstärkt.Der 13.Satz wird von Stimme und Klarinette mit einem ergreifenden Duett eröffnet und geht dann über in eine schier endlose Klangfläche aus gebrochenen Dreiklängen.Doch zum Schluß triumphiert, wiewohl immer leiser und in den Streichern immer höher, der reine Dur-Akkord, die Rettung der Schiffbrüchigen.Das alles ist sehr drastisch, aber sehr gekonnt komponiert, und die Musiker setzten es kongenial um.Mit seinem Erlösungs-Pathos spaltete der Komponist das Publikum, und so brandeten ihm Begeisterungs- wie Buhrufe entgegen.

Wie oft in der Programmgestaltung des Vogler-Quartetts wurden die übrigen, Werke durch dieses eine schier erdrückt.Mozarts Adagio und Fuge c-Moll KV 546 spielten die vier Musiker mit scharfer, wie in Stein gemeißelter Artikulation.Max Regers Klarinettenquintett A-Dur Opus 146 schließlich erklang weniger gelassen und heiter, sondern melancholisch-schwermütig. gss

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