Kultur : Weltuntergänge David Mitchell erkundet ein finsteres Tokio

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Der Tsunami in David Mitchells „Number 9 Dream“ ist Teil einer weitschweifigen Fantasie des japanischen Protagonisten, für den Erdbeben und Atomkraftgefahren zum Alltag gehören. Weltuntergänge lauern überall in dem bereits 2001 auf Englisch erschienenen Tokioter Großstadtroman des 1969 geborenen Briten, der mehrere Jahre an der Universität von Hiroshima unterrichtete und mit einer Japanerin verheiratet ist. Seinen Durchbruch feierte er mit dem nächsten Roman „Der Wolkenatlas“.

Mitchells Held ist der auf dem Land aufgewachsene 20-jährige Eiji Miyake. Er kommt in die Stadt, um seinen Vater zu suchen, den er nie kennengelernt hat. Eiji und seine als Kind ertrunkene Zwillingsschwester Anju waren Kinder einer Affäre. Die Mutter hat er seitdem kaum gesehen. Bei der Suche nach dem Vater gerät Eiji ins Fadenkreuz rivalisierender Mafiaorganisationen.

Videospiele und lange Tagträume vermischen sich mit den verstörenden Zudringlichkeiten von öffentlichem Nahverkehr und verdrängten Schuldgefühlen. Zu den Schauplätzen gehören Videotheken, stickige Wohnkapseln, die eleganten Folterkammern der Mafia und der beliebteste Sexclub der korrupten Oberschicht. Mitchells Sprache ist dicht und sinnlich. So beschreibt er, wie Eiji in einem Stundenhotel aufwacht: „Jemand hat mir einen Korkenzieher durch den Kopf gedreht. Meine Zunge wurde eingesalzen, in der Sonne getrocknet, und Wüstenwiesel haben draufgeschissen. Mein Hals wurde mit Spitzhacken attackiert. Meine Ellbogen und Knie sind wundgeschürft. Mein Schritt riecht nach Garnele. Dieses Unterleibsniesen soll Sex gewesen sein?“

Was Metapher und was präzise Beschreibung ist, lässt sich oft nicht entscheiden. Mitchell liebt grelle Bilder und weite Fluchtlinien. Eiji stellt sich vor, wie er die Anwältin seines Vaters in ein Kino verfolgt und imaginiert dann ausführlich den Film, den sie sehen. Einer der Hauptfiguren dieses Films hält sich für Gott und lässt zum Beweis für seine Allmacht Belgien verschwinden. Selbst die Belgier würden es nicht vermissen, lächelt er. Irgendwann ist der Film vorbei, dann auch der Tagtraum, und Eiji kehrt in die reale Wahnwelt Tokios zurück. Mitchell verliert die Fäden nicht aus der Hand. Er führt Eiji immer näher an den Vater und bald auch an die Mutter heran, bis es fast zu so etwas wie Gesprächen kommt.

Auf die eine oder andere Abschweifung könnte der Leser verzichten. Die eingestreuten Kurzgeschichten, die Eiji liest, sind nicht nur reichlich überdreht, sondern auch reichlich lang. Vielleicht waren sie vor zehn Jahren en vogue, ebenso wie einige mediale Spielereien, die heute angestaubt wirken. Spannend formuliert sind sie allemal. Die Schilderungen von Zwangsprostitution und Einsamkeit, die Mitchell zu Schlingen verknüpft, entwerfen zwar eine Welt zum Abgewöhnen, entwickeln aber einen Sog, der süchtig machen kann. Christophe Fricker

David Mitchell: Number 9 Dream.

Roman. Aus dem

Englischen von Volker Oldenburg.

Rowohlt, Reinbek 2011. 540 Seiten, 24,95 €.

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