Kultur : Weltwirtschaftsforum: Gipfelsturm

Fatina Keilani,Kurt Sagatz

Die große Mobilmachung vollzieht sich lautlos. "Lasst den Gipfel platzen" ist das Motto der Stunde, und die Globalisierungsgegner verbreiten es per e-Mail oder per Kurzmitteilung. Wenn am heutigen Sonntag in Salzburg das Weltwirtschaftsforum Osteuropa beginnt, wollen sie da sein und protestieren - wie schon in Göteborg, Nizza, Prag und Seattle. Ihre Botschaft ist eindeutig: Wo Ihr auch hingeht, wir sind schon da. Wir werden Euch stellen. Zu jeder Eurer Konferenzen machen wir die Gegenveranstaltung. Angekündigt ist ein "Sommer des Widerstands". Göteborg war das Vorspiel, Salzburg könnte eine weitere Generalprobe werden, und dann, Ende Juli, soll es richtig rundgehen. Den G 8-Gipfel in Genua vom 20. bis 22. Juli wollen bis zu 150 000 Demonstranten verhindern.

Doch erst ist Salzburg dran. Jede Seite bereitet sich auf ihre Weise auf das Treffen vor. Österreich hat das Schengener Abkommen außer Kraft gesetzt und die Kontrollen an der deutsch-österreichischen und der deutsch-italienischen Grenze wieder eingeführt. Die Innenminister der EU-Länder suchen eine gemeinsame Strategie gegen grenzüberschreitend aktive Gewalttäter. Und die radikalen Gegner von Globalisierung rüsten in aller Stille zur Aktion "gegen polizeiliche Gewalt".

Sie lehnen ab, was die Französin Viviane Forrester, 75, als den "Terror der Ökonomie" bezeichnet hat. Sie huldigen der 30-jährigen Kanadierin Naomi Klein, die mit ihrem Buch "No Logo!" gegen die Marken-Besessenheit der westlichen Konsumgesellschaften angeschrieben hat. Sie treten ein für das, was sie für eine bessere Welt halten - weniger Macht für die Konzerne, bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in der dritten Welt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, Menschenrechte, Ökologie. Eigentlich also doch Globalisierung, nur anders. Gleiche Bedingungen eben, auch für die Ausgebeuteten in den Sonderwirtschaftszonen.

Falls sich überhaupt sagen lässt, was die Aktivisten wollen. Fast 700 verschiedene Gruppen und Organisationen wollen den Gipfel in Genua stören, eine einheitliche Willensbildung gibt es nicht. Eine wichtige Gemeinsamkeit ist die Anonymität. "Wir müssen uns vor den polizeilichen Erkennungsmethoden und der Bedrohung durch Neonazis schützen", verteidigt sich eine Sprecherin der schwedischen Sektion der "Antifaschistischen Aktion" (Afa). Sie hatte ebenso wie zahlreiche weitere Anhänger an den Krawallen in Göteborg teilgenommen, bei denen drei Demonstranten angeschossen, Dutzende verletzt wurden und das Stadtzentrum einem Schlachtfeld glich. Die Ausschreitungen überschatteten die vorherige friedliche Demonstration von 14 000 Globalisierungsgegnern und deren nachdenkliche Parolen.

So bleibt auch unbekannt, wer hinter dem Versprechen steht, sich für die polizeiliche Gewalt in Göteborg zu rächen. In einer weiteren anonymen Drohung heißt es etwas kryptisch: "Das letzte Tabu ist gefallen. Ab jetzt spielen wir mit denselben Karten. Der Einsatz ist allerdings gestiegen: Was in Genua passiert, kann niemand vorhersagen".

Selbstredend sind die Globalisierungsgegner auch selbst globalisiert. Vor allem das Internet ist ihnen eine gewaltige Hilfe. Dort wird der Protest organisiert, werden Mitfahrgelegenheiten nach Salzburg angeboten und wichtige Telefonnummern bereitgestellt. Zum Beispiel des Grenztelefons, auch für generelle Anfahrtprobleme, wie es heißt. Oder, vielleicht wichtiger noch, die Nummer des Rechtshilfe-Telefons - und über allem natürlich der Hinweis: Lasst den Gipfel platzen. Über Links schließen sie ihre diversen Sites zu einer gemeinsamen Front zusammen. Digitaler und realer Widerstand, auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und sogar auf Serbisch. Hier wird nicht über Politik informiert, hier wird Protest organisiert.

"Das Internet ist für uns sehr wichtig, denn es kostet uns fast nichts", versichert eine Vertreterin der schwedischen Sektion der "Antifaschistischen Aktion" (Afa). Afa zeigt auf ihrer Seite das Foto eines Demonstranten, der auf den Rücken eines Polizisten einprügelt. Zwar ruft die Organisation nicht ausdrücklich zur Gewalt auf. Doch nach den Worten ihrer Vertreterin gelten Sabotage und Konfrontation durchaus als "politische Mittel". "Die Politiker sträuben sich nun einmal dagegen, ihre Macht abzugeben. Da muss man dann schon nachhelfen", verteidigt sie sich, um gleichzeitig aber einzuräumen: "Die politische Lage ist noch nicht reif für Revolutionen".

Ist das jetzt eine neue Linke? Wohl kaum. Die meisten Amerikaner kennen das europäische Rechts-Links-Schema nicht, und die Europäer sind in viele Gruppen zersplittert. Was sie eint, ist die Angst, vom entfesselten Kapitalismus überrannt zu werden. Diese Angst treibt sie jetzt nach Salzburg. Im Internet gehen die Planungen weiter. Motto der nächsten Runde: "Auf nach Genua!"

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