Kultur : Wem die Kraft versagt

SINFONIK

Jörg Königsdorf

Auf der Agenda, die Simon Rattle den Philharmonikern zur Steigerung ihrer stilistischen Vielseitigkeit verordnet hat, steht der Name Sibelius ganz oben. Bislang tauchten dessen Werke nicht eben häufig in Philharmoniker-Konzerten auf – die Entdeckung von Sibelius als richtungweisendem Komponisten der Moderne blieb in Berlin Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy mit dem DSO vorbehalten. Deshalb nun ein Sibelius-Intensivkurs mit Paavo Berglund : das Violinkonzert, die beiden letzten Sinfonien und eine Streichersuite in einem einzigen Konzert! Berglund gilt in Sachen Sibelius als Autorität und hat die Sinfonien mehrfach eingespielt. Doch von dem klarköpfigen Elan dieser Aufnahmen ist in der Philharmonie kaum noch etwas zu hören.

Der 74-Jährige setzt ganz auf einen vermeintlich organischen Fluss der Musik und auf den kantenlosen, schönheitstrunkenen Philharmoniker-Sound. Doch gelassen läuft’s bei Sibelius eben nicht: Die kleinteiligen Streicherfiguren in der Sechsten dümpeln statisch dahin, statt sich zu plastischen Klangfeldern zu verdichten, die untergründigen, sich aus dem eigenen Material immer wieder erneuernden Antriebskräfte der Siebten werden zu klebrig postromantischem Pathos vergröbert. Gegen soviel Lethargie kann auch der ausgezeichnete Leonidas Kavakos wenig ausrichten: Ohne orchestrales Spannungsfeld wirken die großen Gefühlsgesten des Violinkonzerts unglaubwürdig, eine bloße Übung in virtuosem Trockenschwimmen. Die Lektion muss wohl noch mal nachgearbeitet werden – in kleineren Übungseinheiten.

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