Kultur : Wem die Stunde schlägt

KAMMERMUSIK

Oliver Schneller

Das fünfzehnte und letzte Streichquartett von Dmitri Schostakovitsch ist eine Folge von weit gespannten melodischen Bögen, die die formale Großanlage praktisch erzwingen. Das monumentale, ergreifende Werk des kranken Komponisten, ein Jahr vor seinem Tod vollendet, sammelt Lebensbilder und -ansichten und vermittelt sie mit der für diesen Komponisten bis zuletzt charakteristischen Direktheit in fünf ineinander übergehenden Adagio-Sätzen (und einem Intermezzo, ebenfalls Adagio), die von den Interpreten äußerste Konzentration in der Gestaltung erfordern. Das Stück ist lang, oft karg und abweisend in seiner strengen Ökonomie. Trotz der durchgängigen melodischen Spannung bricht die Musik immer wieder ein, dann ab, holt Atem, und setzt erneut an. Beim Auftritt des Rosamunde Quartetts im kleinen Konzerthaus -Saal kam diese Brüchigkeit durchaus unverschönt und dadurch umso ausdrucksvoller zum Vorschein.

Derselbe gestalterische Mut schien dem Streichquartett jedoch bei Schuberts a-Moll Quartett, D 804 in den ersten zwei Sätzen zu fehlen. Die Pausen kaum als spannungsgeladenes Innehalten, die Klangkontraste eher verhalten statt expressiv verhangen. Sehr fein gefaßt war dagegen das Dur/Moll-Spiel und der schüchtern-heitere Charakter des Menuetts. Der Humor im Finalsatz erschien dagegen „studiert“. Höhepunkt des Abends aber war die phantasievolle Interpretation des 1.Streichquartetts des 1937 in Kiev geborenen V. Silvestrov. Das kompositorische Prinzip der extremen harmonischen Ausdehnung bis hin zum Stillstand wurde zum packenden Ereignis.

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