Kultur : Wem gehört das Geld?

Kai Müller

Der malaysische Finanzminister muss ein humorvoller Mann sein. Oskar Lafontaine zumindest hat sich köstlich amüsiert, als der kleine Minister aus dem kleinen Land bei einer Wirtschaftskonferenz asiatischer Staaten aufstand und seinem Referat über die Folgen der Wirtschaftskrise die Zeilen Frank Sinatras folgen ließ: "I did it my way." Er sang diesen Triumph-Song wie jemand, der etwas Unerhörtes vollbracht hatte.

Lafontaine erzählt diese Anekdote in der Berliner Schaubühne mit sichtlicher Genugtuung: Malaysia, das in den Strudel der asiatischen Finanzkrise geriet, hatte es gewagt, die drohende Kapitalabwanderung per Gesetz zu unterbinden. Gegen den massiven internationalen Widerstand wurden Geldanlagen im Land gehalten. Was wie ein Rückfall in graue protektionistische Vorzeiten klang, erwies sich als geschickter Schachzug. Malaysia kam mit einem blauen Auge davon, während andere Staaten Asiens, die den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) folgten, zum Ramschladen des big business wurden. Bewies das nicht, wir richtig Lafontaines eigenes, spektakulär gescheitertes Bemühen als Finanzminister gewesen war?

Auch Lafontaine hatte ja die global florierenden Finanzströme einzudämmen und das Primat der Politik über wirtschaftliche Entwicklungen zurückzugewinnen versucht, konnte seinen Weg aber nicht weiter verfolgen. Seine plötzliche und ohne Angabe von Gründen vollzogene Abdankung 1999 hatte etwas von einem Theatertod: Der Schauspieler reißt sich die Maske vom Gesicht und verschwindet in den Kulissen. Sehr hamlethaft. Wo also, wenn nicht in einem Theater, und sei es auch ein so schmuckloses wie die Schaubühne, könnte der einstige SPD-König seine Rückkehr in die politische Arena besser inszenieren?

Mit Verwunderung hören wir, dass der Sozialdemokrat sogar Mitglied der Attac-Bewegung geworden, also jenem Netzwerk beigetreten ist, das der schrankenlosen Globalisierung Einhalt gebieten will. Man spürt, wie die Kränkungen seiner Entmachtung noch an ihm nagen: Er habe von wirtschaftlichen Prozessen keine Ahnung, hieß es damals. Umso mehr fühlt er sich heute durch den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bestätigt, der ihm auf dem Podium gegenübersitzt. Denn einer Autorität wie Stiglitz - Clinton-Berater und Chefökonom der Weltbank - wird man nicht vorwerfen können, sie verstünde nichts von den komplexen Wechselwirkungen globaler Wirtschaftsprozesse. Tatsächlich ist Stiglitz genau darauf spezialisiert. Seine Thesen zur Globalisierung, die darin münden, dass Märkte eben nicht perfekt und selbstheilend funktionieren, haben Furore gemacht und ihm den Zorn des IWF eingetragen, dessen scharfer Kritiker er ist.

Unumwunden gibt er zu, dass das amerikanische Veto-Recht im IWF wie eine "Geldwaffe" (Lafontaine) funktioniert. So werden nur jenen Ländern Kredite gewährt, die den vermeintlichen Stabilitätskriterien des Westens genügen und für die Wall Street als Spekulations-Terrain von Interesse sind. In der Regel bedeutet das: Länder wie Thailand oder Japan müssen ihre Märkte öffnen und ihr Haushaltsdefizit reduzieren. Doch je stärker sich der Staat aus seinem Land zurückzieht, desto mehr überlässt er es der Willkür internationaler Finanzströme. Wenn auch diese sich zurückziehen, sind ihm alle Instrumente aus der Hand genommen, der galoppierenden Rezession entgegenzuwirken - und er darf nicht einmal die sozialen Folgen abfedern, da das seine Kreditwürdigkeit untergräbt.

Solche unter "Washington Consensus" firmierenden Rezepte gelten als unumstößliche Glaubenssätze des Neoliberalismus. Dass auch sie nur Machtinteressen verschleiern, ist bekannt. Trotzdem findet Lafontaines Globalisierungskritik vor allem im Gebaren der USA eine dankbare Projektionsfläche. Stiglitz kommentiert deren Auffassung, den freien Wettbewerb in jedem Markt der Welt zu befürworten außer dem eigenen, mit schulterzuckender Ironie: Die unsichtbare Hand des Marktes bleibe vermutlich unsichtbar, weil es sie gar nicht gibt.

Das bekam auch Lafontaine zu spüren. Seine Initiative zur Regulierung der Finanzströme sei vor allem an der Selbstentmachtung der Politik gescheitert. Während die USA alles dafür täten, ihre Vorteile nicht zu gefährden, klammern sich europäische Regierungen an Grundsätze, von deren Richtigkeit sie nicht einmal überzeugt seien. Es geht ja nur um Zahlen, möchte man meinen. Dass das Umdenken mit der Sprache beginnt, in der die Opfer der Geldkarawane nirgendwo auftauchen, müssen auch wir erst noch lernen.

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