Kultur : Wem gehört der Schmerz?

Susan Blackmore untersucht, ob das menschliche Bewusstsein nur eine Täuschung ist

Angelika Brauer

Kein Zweifel, die Neurowissenschaftler wollen nicht länger im stillen Kämmerlein forschen, um dort, wo „es anfängt zu menscheln“, wie der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer sagte, nicht mehr zuständig zu sein. Mit bildgebenden Verfahren, die erkennen lassen, was sich in den Netzwerken unseres Gehirns abspielt und unser Denken und Handeln (mit-)bestimmt, sind sie aus dem „verordneten Ghetto“ ausgebrochen, um „über Themen nachzudenken, die bisher den Kulturwissenschaften vorbehalten waren“. Die These, der freie Wille sei nur eine Illusion, hat heftig gezündet.

Doch nachdenken worüber? Wo „menschelt“ es noch, wenn immer mehr geistige Phänomene auf eine materielle Basis zurückgeführt werden – und das Naturalisierungsprogramm auch das Bewusstsein erfasst? Dieses Rätsel, dem wir verdanken, erleben zu können, wie Leben sich anfühlt. Aus der Innenperspektive, im Gewissheitsgefühl, ein erfahrendes Ich zu sein. Als Dualismus von Leib und Seele gehört das Bewusstsein seit der Antike zur Dömane der Philosophie. Die Frage seiner Entstehung allerdings krönt die Agenda der Naturwissenschaft. Jetzt gibt es Gelegenheit, zu prüfen, ob das vertraute Menschenbild noch gilt: Die englische Wissenschaftlerin Susan Blackmore hat mit 20 Hirnforschern, Kognitionswissenschaftlern und Philosophen über das Bewusstsein gesprochen und versucht herauszufinden, „was es damit auf sich hat, so dass Menschen es als etwas Besonderes behandeln beziehungsweise als ein Problem, das sich von anderen wissenschaftlichen oder philosophischen Problemen unterscheidet“.

Wissenschaftlich oder philosophisch? Schon in der Einleitung klingt das Kompetenzgerangel an. Philosophen, behauptet zum Beispiel der Biochemiker und Nobelpreisträger Francis Crick, würden zwar oft gute Fragen stellen, „aber ihnen fehlen die Techniken, um sie auch beantworten zu können. Man sollte ihren Diskussionen daher nicht allzu viel Beachtung schenken.“ Für das alte Vorurteil gilt dasselbe. Beachtlich dagegen die Haltung des Philosophen John Searle. Er verteidigt mit Kant den freien Willen des Menschen als bewusste Instanz. Aber Searle will wissen: „Wie genau bringt der Gehirnmechanismus das Bewusstsein hervor?“ Kundig plädiert er dafür, nicht nur „Neuronen und Synapsen ernst zu nehmen“, sondern auch jene Mikrotubuli, die in den Neuronen zu finden sind. Stuart Hameroff erforscht deren Quantenkohärenz seit drei Jahrzehnten, muss jedoch bekennen, dass es keine Erklärung gibt, „wie und warum wir subjektive Erfahrungen, also ein ‚Innenleben’ haben“.

Gehört mein Schmerz nicht nur mir? Oder das leuchtende Rot einer Rose? Kann ein anderer den Duft des Kaffees jemals empfinden wie ich? Zurzeit ist das Informationsverarbeitungssystem des Gehirns noch mit dem Dunkel des Bewusstseins verbunden. Damit ist die entscheidende Frage auf dem Tisch: Susan Blackmore will von jedem wissen, ob das Bewusstsein ein lösbares Rätsel ist? Damit wäre die Grenze menschlicher Erkenntnis markiert, die vor rund 150 Jahren Emil Du Bois-Reymond als „Kluft, über die kein Steg trägt“, umschrieb.

Aus der Sicht des Kognitionsforschers Daniel Dennett ist das „Unsinn“. Das Gehirn, erklärt er, sei „das Komplizierteste, was die Evolution bisher hervorgebracht hat, und wir versuchen es zu verstehen, indem wir unser Gehirn benutzen“. Für ihn ist das nichts Unmögliches. Aber jeder muss selbst prüfen, ob er Bewusstsein als etwas Objektives betrachten will: „In der endgültigen Theorie darf die erste Person nicht mehr vorkommen. Wäre sie noch da, hätte man keine Theorie des Bewusstseins, denn sie war ja genau das, was zu erklären war.“ Dann gibt es kein Subjekt mehr. Für Dennett wäre dieser Verlust zu verkraften: „Ich halte die Idee der Seele für ein kurioses Relikt, das dem Wunsch entstammt, uns selbst als absolut zu sehen.“ Könnte das Programm der Naturalisierung dem Wunsch entstammen, den Menschen vom Sockel zu holen? Wird deshalb seine Verwandtschaft mit Fadenwurm und Moskito betont und sein Bewusstsein als „Kalziumkonzentration in einem bestimmten Zelltyp“ vermutet? Dabei würde der Rückblick auf einige schlimme Kapitel der Geschichte genügen, um zu erkennen, dass er nicht die Krone der Schöpfung ist.

Auch in den „Gesprächen über Bewusstsein“ hat sich der materialistische Monismus noch nicht durchgesetzt. Blackmore glaubt zwar, dass wir nur vorankommen, „wenn wir uns von Dualismen jeglicher Art verabschieden“. Aber sie tauchen immer wieder auf. Als Körper und Geist; und als Widerspruch von zwei Seelen in einer Forscherbrust. Thomas Metzinger etwa betrachtet das „menschliche Selbstmodell gern als neurocomputationale Waffe“ und „Ego-Maschine“. Doch es macht ihm zu schaffen, dass sich diese Sichtweise durchsetzen könnte: „Was würde es für unseren Umgang miteinander bedeuten, wenn niemand mehr an eine Seele glauben würde?“ Wie Kant, der dieses ‚Organ’ noch wie selbstverständlich in sein Bild des Menschen integriert: „In unserer Seele ist etwas, dass wir Interesse nehmen – erstens – an unserem Selbst, – zweitens – an andern, mit denen wir aufgewachsen sind, und dann muss – drittens – noch ein Interesse am Weltbesten statt- finden. Man muss Kinder mit diesem Interesse bekannt machen, damit sie ihre Seelen daran erwärmen mögen.“ Ein Blick zurück durch Butzenscheiben? Schade, dass man den Königsberger nicht mehr einbeziehen kann.

Susan Blackmore: Gespräche über Bewusstsein. Aus dem Englischen von Frank Born. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 372 Seiten, 26,80 €.

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