Kultur : Wem gehört die Revolution?

Tunesiens Künstler: Diskussion & Ausstellung.

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Mehr Öffentlichkeit. Eine Performance von Moufida Fedhila in Tunis, 2011. Foto: AdK
Mehr Öffentlichkeit. Eine Performance von Moufida Fedhila in Tunis, 2011. Foto: AdK

Vor der Revolution und dem Sturz des Diktators Ben Ali war das nicht möglich: ohne Genehmigung in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Heute kann man problemlos Menschen auf der Straße ansprechen und um ihre Meinung bitten, berichten 13 Künstler aus Tunesien, die ihre Videos, Installationen und Aktionen in der Berliner ifa-Galerie präsentieren. Doch auch die Salafisten beanspruchen die Straßen und Plätze für ihre Proklamationen. Die neue Freiheit ist brüchig.

Wem gehört die Revolution? Und wie stark ist die Stimme der Kunst in Tunesein? Bei einer Diskussion in der Akademie der Künste meinten die Künstler, von denen etliche im Zuge der Arabellion nach Tunesien zurückgekehrt sind, es gehe um beides. Nicht nur die politische Praxis, auch die Kultur müsse erneuert werden. „Wir müssen Kontakt zum Publikum herstellen, den gab es bisher nicht“, sagt Hela Lamine aus Tunis. Doch es fehlt an Strukturen. In Tunesien gibt es kein Museum für zeitgenössische Kunst, kaum Galerien, kaum Fördergelder. Immerhin bieten das Kulturzentrum B’Chira Art Center und das Festival „Dream City“ Raum für Experimente. Die Künstlergewerkschaft SMAP stellt zunehmend politische Forderungen. Aber auch Rückschläge sind zu verzeichnen: Im Juni wurden Teilnehmer der Kunstmesse „Printemps des Arts“ in Tunis beschuldigt, mit ihren Gemälden den Islam beleidigt zu haben. Es gab Hassbekundungen und Mordaufrufe; Kulturminister Mehdi Mabrouk erstattete Anzeige gegen die Ausstellungsveranstalter. Wem gehört also die Revolution? Der regierenden islamistischen Partei al-Nahda? Den Bürgern? Den Künstlern? „In einer Demokratie sollte der öffentliche Raum für alle da sein“, fordert Mohamed Ben Soltane. „Dafür braucht man Regeln, aber die sind in Tunesien noch nicht etabliert.“

Deutschland hat sich jahrzehntelang viel zu wenig für die Kunst aus Nordafrika interessiert, sagt Johannes Odenthal von der Akademie der Künste. Das sprunghaft gestiegene Interesse des Westens wird von den Künstlern zwiespältig wahrgenommen: In einem Comicstrip von Mohamed Ben Soltane gibt seinesgleichen einem frustrierten Straßenverkäufer den Tipp, dass er nur zeitgenössischer Künstler werden müsse, um an ein Auslandsvisum zu kommen. Birgit Rieger

„Rosige Zeiten“, ifa-Galerie, Linienstr. 139/140, bis 21. 12., Di-So, 14 - 19 Uhr

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