Kultur : Wende in Jugoslawien: Belgrad, Bastille der Moderne

Caroline Fetscher

Auf den Straßen von Belgrad verteilten Bürger in der Nacht zum Freitag lakonische Flugblätter: Todesanzeigen von Slobodan Milosevic. Spaßvögel, die Ernst machten, Zornige, die sich einen zynischen Spaß gönnten, waren hier am Werk. Der Akt, die Setzung, die damit vollzogen wurde, ist ultimativ. Anders als mit dem Tod des Despoten kann eine Revolution, auch eine moderne, nicht erfolgreich enden. Slobodan Milosevic ist tot - symbolisch tot.

Die Freudenfeier der aufbegehrenden Bürger, des Demos, der sich seine Macht - die Demo-kratie - erobert, ist umgekehrt die Trauerfeier für einen Autokraten, auf dessen Konto Morde und Kriegsverbrechen gehen, Kleptokratie und Gesetzlosigkeit. Wo das Perverse, die Verdrehung geherrscht haben, verkehrt sich auch die Logik des Feierns, dessen Anlass der Tod wird. Solange Milosevic seine Macht behielt, war das Leben erloschen. Dass er abgetreten, ja weg ist, erweckt es neu.

Dieser Logik des Vatermordes folgen die Revolutionen, vom Ende König Ludwigs XVI. bis zur Exekution von Diktator Ceasescu. Weshalb die Bilder sich gleichen, in ihrem archaischen, mythischen Moment: die Bilder vom Sturm auf die Bastille und der Eroberung des Parlaments, von Feuersturm und schier unüberschaubaren Menschenmengen. Indem deren ultimativer Akt eine verkehrte symbolische Ordnung löscht, räumt er den öffentlichen Platz frei für eine neue Ordnung. Während die Blätter mit der Todesanzeige von Hand zu Hand gehen, dehnt sich der Freiraum in den Köpfen aus - alles kann neu hineinströmen. Die Gesellschaft kann neu erfunden werden, so wie sich die serbische Bevölkerung in dieser Nacht nun schon einmal neu erfunden hat.

Dass es tatsächlich über Nacht geschehen könne, hat der slowenische Philosoph und Lacanianer Slavoj "Zi"zek in einem Essay bereits Mitte der neunziger Jahre geschrieben. Über Nacht könnten die ethnischen Konstrukte verschwinden. Das ganze westliche Gerede von "uralten ethnischen Spannungen" und "unversöhnbaren Völkern", von Aporien und Antagonismen sei schlicht Schwachsinn.

Betrachtet man die Nacht zum 6. Oktober, die der Macht ein Ende setzte, möchte man ihm glauben. Der Aufbruch ist phänomenal, der Austausch der Symbole erschütternd. Polizisten nahmen ihre Helme ab und übergaben Demonstranten ihre Schlagstöcke. Im Parlament, das zunächst in Flammen stand, tagt bereits die neue Regierung. Die Bevölkerung, die bedrückt in den Häusern hockte, drängt nach draußen, es entsteht Öffentlichkeit. Als "Zi"zek vom plötzlichen Wandel sprach, meinte er auch den Wandel des öffentlichen Raums als der Sphäre der Medien. Entscheidender noch als die Besetzung des Parlamentsgebäudes, war in Belgrad die Okkupation der Sendeanstalten, der Produktionsorte des Deutens und Präsentierens von kollektiven Symbolen. Die Bastille der Moderne ist genau hier: Wer die Medien gefangen hält - wie es die Nationalsozialisten zu Beginn der Rundfunkgeschichte mit dem "Volksempfänger" taten -, hält die Köpfe gefangen. Wo sie dem Diskursiven geöffnet und der Propaganda entzogen werden, können falsche Konstrukte enttarnt, verstanden und umgebaut werden.

Können! Es muss nicht geschehen, aber die Bedingung der Möglichkeit dazu ist jetzt entstanden. Entscheidend für die nächste Phase des Umbaus ist, dass es den drängenden Wunsch gibt, nicht zu verdrängen. Achtzehn kleine Parteien haben sich in "Serbien", das eigentlich Jugoslawien heißen müsste, vorübergehend auf einen ebenso kleinsten wie größten gemeinsamen Nenner geeinigt: Auf das Ziel, den Despoten zu beseitigen. Ihr Gegenkandidat wird, so scheint es, regieren. Aber "der Westen" irrt, wenn er in der Beseitigung des Despoten mehr als das vorläufige Heraufbeschwören der Demokratie erkennt. Immer wieder hat gerade "Zi"zek darauf hingewiesen, dass Milosevic keineswegs ein "Alien" war, der eines Tages einem Ufo entstieg, um hinfort ein unschuldiges Volk zu verführen. Das "Volk" hat sich verführen lassen. Die Folkloresendungen fürs Fernsehen wurden von Fachleuten produziert, die terroristischen "Arkan-Boys" aus der Bevölkerung rekrutiert. Die Spitzel und Propagandachefs, die im Historisieren und Herosieren geschickten Wissenschaftler, sie alle haben mitgemacht. Milosevic war lange genug eine Verkörperung dessen, was "das Volk" begehrte. Noch als Kosovos albanische Minderheit zu Hunderttausenden aus dem Land getreten wurde, gab es keinen Protest gegen die Politik des Regimes, sah man aus Trotz lieber Staatsfernsehen als BBC-World per Satellitenschüssel. Was dort gezeigt wurde, galt als "Lüge". Wenn Clinton und andere Staatschefs jetzt das "serbische Volk" verbal umarmen, ist die Geste diplomatisch richtig. Aber das "Volk" muss sich mit sich verständigen, auf allen Kanälen, in allen Medien, auf Parkbänken, in Kneipen, am Küchentisch, um zu einem Demos im Sinne der Demokratie zu werden. "Medien", Vermittler, können eine segensreiche Rolle spielen, um Diskussionen zu vervielfältigen und das Zersprengte wie das Gleichgeschaltete zu den Fragen der Debatte zu bringen, um die es geht: Wer waren wir? Wie kam das? Wer wollen wir sein?

Noch ehe andere auf die Straße gingen, hat die Dramatikerin Biljana Srbljanovic in ihrem Stück "Der Sturz" eine Vision von Serbien nach Milosevic entwickelt. Ihre Szenen des Aufatmens sind vom Pessimismus durchschossen, wie ein vorauseilender Warnschrei, ein Echo aus der Zukunft. Beim Belgrader Theaterfestival "Bitef", das nur ein paar Tage her ist, nahmen ihr das selbst kritische Intellektuelle, sogar Vertreter der jugendlichen Widerstandsorganisation "Otpor", übel. Weitgehend isoliert stand Srbljanovic mit ihrer luziden Skepsis da. Jovan ist in diesem Stück ein Unmündiger, ein Kind, das "das Volk" repräsentiert. "Ich werde dieses Loch zuschütten lassen, und niemand mehr wird wissen, was hier gewesen ist", sagt Jovan. "Ich werde die Namen, die Vergangenheit und die Erinnerung auslöschen."

In dem Augenblick, in dem die Opposition, die jetzt Verantwortung und Macht übernimmt, von solchen Stimmen alarmiert ist, beginnt die zweite Revolution. In ihr bleiben die neuen Symbole nicht länger Repräsentationen, sondern sie füllen sich. Erst dann ist die Revolution vollendet.

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