Kultur : Wendeopfer in der Wüste

Zu Gast in Berlin: Der Ägypter Gamal al-Ghitani stellt sich als Chronist seines Landes vor

Andreas Pflitsch

Der Schock wirkt bis heute nach. Er durchzuckte eine ganze Generation, und die jüngere arabische Geschichte ist ohne ihn kaum zu verstehen. Binnen weniger Stunden hatte Israel am Morgen des 5. Juni 1967 fast die gesamte ägyptische Luftwaffenflotte zerstört, innerhalb von wenigen Tagen folgte die Kapitulation von Jordanien, Ägypten und Syrien. Tiefer noch als die verheerende Niederlage im Junikrieg schmerzte die Erkenntnis, dass damit zugleich die politische Entwicklung der Region in Frage gestellt war. Der bis dahin für seinen selbstbewussten Weg des arabischen Sozialismus gefeierte ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser war brutal entzaubert worden. Die nach der Revolution von 1952 mit postkolonialer Euphorie in Angriff genommene gesellschaftliche Modernisierung schien gescheitert.

Die Desillusionierung traf auch den damals 22-jährigen Gamal al-Ghitani, heute einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes und Herausgeber der einflussreichen „Literatur Nachrichten“. 1945 in der oberägyptischen Provinz geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, konnte er in Kairo, wohin die Landflucht die Familie getrieben hatte, die Schule besuchen und eine Ausbildung absolvieren – dank Nassers Wohlfahrtsstaat. Dies hinderte ihn indes nicht daran, eine kritische Haltung gegenüber den repressiven Aspekten des Systems einzunehmen und dies Mitte der Sechziger, wie viele kritische Intellektuelle, mit einer Inhaftierung zu bezahlen.

Nach der Niederlage von 1967 widmete sich Ghitani ganz dem Schreiben. Der Titel seines ersten Erzählbandes von 1969, „Aufzeichnungen eines jungen Mannes, der vor tausend Jahren lebte“, gab die Richtung vor: mit voller Kraft zurück in die Zukunft. Ghitanis 1974 erschienener Roman „Seini Barakat“ gilt mit seiner Vermischung der Stilebenen – klassische Historiographie, amtliche Bekanntmachungen und Predigten stehen neben dem fiktiven Bericht eines venezianischen Reisenden – als einer der originellsten Texte der arabischen Moderne. Zwischen Ernst und Parodie changierend, ist der zur Zeit der Osmanischen Eroberung Ägyptens 1517 spielende Roman eine Parabel auf die Unterdrückungs- und Foltermethoden unter Nasser und eine Fabuliererei, die das erzählerische Erbe Ägyptens fortschreibt.

„Mit einem Auge die Weltliteratur im Blick, mit dem anderen das literarische Erbe der Araber“, hat er seine Adaption klassischer Erzählformen beschrieben. Bei seiner Suche nach einer arabischen Literatur, die sich weder auf die Nachahmung westlicher Vorbilder beschränkt, noch einem affirmativen Klassizismus anhängt, geht es Ghitani nie um die oberflächlichen Effekte, die das oft parodistische Zitierspiel der Postmoderne zelebriert. Es geht ihm um Gegenwart. Darum wäre es auch falsch, seine Bücher mit islamistischer Rückwärtsgewandtheit in Verbindung zu bringen. Indem Ghitani vertraute Muster und Topoi neu kontextualisiert, entreißt er sie einem engen religiösen Interpretationshorizont.

Im Rahmen des Projekts „West-östlicher Diwan“, das deutsche Schriftsteller mit Kollegen aus dem Nahen Osten zusammenbringt, trifft Ghitani nun auf Ingo Schulze. Beide Autoren sind Experten dafür, wie man radikale gesellschaftliche Umbrüche von der Ebene des weltpolitischen Getöses auf ein menschliches Maß herunterbricht. Die zehn ineinander verschlungenen Erzählungen in Ghitanis „Buch der Schicksale“ von 1989 etwa, sind eine Abrechnung mit der radikalen wirtschaftlichen Öffnungspolitik unter Nassers Nachfolger Anwar al-Sadat. Die abrupte Hinwendung zum ungebremsten Kapitalismus führte nicht nur zum sozialen Abstieg der ohnehin dünnen ägyptischen Mittelschicht, sondern auch zum moralischen Verfall. Die „Simplen Storys“ aus Ägypten entfalten das Panorama einer auseinanderbrechenden Gesellschaft: Wendeopfer aus Ägypten.

Al-Ghitani und Schulze lesen heute um 20 Uhr in der Alten Fleischerei, Wrangelstraße 64. Im Münchner Verlag C.H. Beck ist von Ghitani zuletzt „Pyramiden“ erschienen.

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