Kultur : Wendung nach Ägypten

Für die einen war er ein Scharlatan, die anderen hielten ihn für den größten deutschen Künstler seiner Epoche.Bis heute sind sich die Fachleute uneins, wie das Werk Bernhard Hoetgers (1874-1949) einzuordnen sei.Eine Entscheidungshilfe gibt nun das Georg-Kolbe-Museum mit einer Retrospektive, die trotz ihres relativ geringen Umfangs sämtliche Schaffensperioden des Malers und Bildhauers widerspiegelt: von den Pariser Anfängen bis hin zu jenen Arbeiten, mit denen er sich - freilich erfolglos - bei den Nazis anzubiedern versuchte.

Bernhard Hoetger ist ein ambivalenter Protagonist deutscher Kunst des 20.Jahrhunderts, und das nicht nur wegen seines persönlichen Lebenswegs, der in den späten Jahren sowohl Brandmarkung als entarteter Künstler als auch glühende Verehrung nationalsozialistischen Gedankenguts einschloß.Hoetger war ein Frühbegabter, der - handwerklich virtuos - zu Beginn seiner Karriere erfolgreich und manchmal allzu leichthändig den Publikumsgeschmack bediente.Nachdem er sich im Jahr 1900 in Paris niedergelassen hatte, schuf er zunächst vor allem Kleinplastiken.Sein bevorzugtes Motiv war die Tänzerin Loie Fuller, die um die Jahrhundertwende mit ihrem Fächertanz in der französischen (Kunst-)Hauptstadt für großes Aufsehen sorgte.Außerdem brillierte er in den damals so beliebten Genredarstellungen.Figurinen wie "Die Straßenmusikanten" (1900/1901), "Der Lebemann" (1901) oder "Lumpensammler" (1902) sind herausragende Beispiele dieser Schaffensperiode.

Zum ersten großen Bruch in seinem µuvre kam es, als Hoetger sich vom übermächtigen Vorbild Auguste Rodin löste und der eher statischen Klassizität Aristide Maillols zuwandte.Was sich bereits in dem Mädchenkopf "Jugend" (1904) andeutete, wurde etwas später zum alles beherrschenden Gestaltungsprinzip."Hoetger poliert nur noch", berichtete überrascht ein Freund nach einem Atelierbesuch.Und in der Tat strahlt Hoetgers "Lächeln" von 1906 eine Ruhe und Statik aus, die in der Kunst der Zeit ihresgleichen sucht und entfernt an Picassos (allerdings um einiges später entstandene) klassische Phase erinnert.Doch sollte Hoetger diese Eigenständigkeit schon bald wieder aufgeben.Mit dem Darmstädter Torso (1909) etwa, einer nackten weiblichen Halbfigur, trifft der Bildhauer das nach schwülstiger Erotik verlangende allgemeine Kunstverständnis so punktgenau, wie es ein wirklich originärer Künstler wie beispielsweise der um sechs Jahre jüngere Wilhelm Lembruck nie getan hätte.

Solche Kehrtwendungen kennzeichnen Hoetgers Arbeit auch in der Folgezeit.Er zieht von Paris zurück nach Deutschland, schließt sich vorübergehend der Künstlerkolonie in Worpswede an, wo er Porträts im ägyptischen Stil fertigt und ab den zwanziger Jahren auch malt.Dazu betätigt sich Hoetger als Architekt.Er entwirft im Auftrag seines Mäzens Roselius die Bauten der Bremer Böttcherstraße und gestaltet daneben Gebrauchsgüter wie Eßbesteck, Aschenbecher und Möbel.In der Worpsweder Kunsthütte, einer den Dombauhütten nachempfundenen Manufaktur, werden ab 1923 unter seiner Anleitung kunstgewerbliche Gegenstände hergestellt.Bei alledem bleibt er - inzwischen Großverdiener unter den deutschen Künstlern - im Mittelmaß verhaftet.

Dann aber treibt sich Hoetger unvermittelt erneut zu Höchstleistungen.Als er 1927 den Auftrag erhält, das gewerkschaftseigene Bremer "Volkshaus" mit Skulpturen zu schmücken, gelingt ihm einmal mehr große Kunst.Der Zyklus "Lebensläufe unter der Last schwerer Arbeit und Not" (heute im Besitz der Berliner Nationalgalerie) zeigt den Menschen als geschundene Kreatur von ergreifender Direktheit.Es ist der letzte Höhepunkt in einer an abrupten Wechseln reichen Laufbahn.ULRICH CLEWING

Georg Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 25.Oktober.Katalog 58 DM.

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