Kultur : Wenig Geld, viel Charme

Heinz Berggruen erinnert sich an seine Jugend in Berlin

Nicola Kuhn

Als Heinz Berggruen bei der Präsentation seiner neuesten Erwerbung gefragt wurde, wie er es eigentlich geschafft habe, dem New Yorker Museum of Modern Art einen Picasso abzukaufen, lautete seine Antwort: „Mit viel Charme und ein wenig Geld“. Berlins berühmtester Kunstsammler hatte die Lacher auf seiner Seite und en passant das Geheimnis seiner Lebenskunst verraten. Denn wie gelingt es einem, nicht nur die schönsten Bilder um sich zu sammeln, sondern auch Menschen und mit ihnen Begebenheiten? Vor allem durch Charme, der ja auch Esprit, Klugheit, Lebensfreude bedeutet. Dies sind zugleich die Ingredienzien von Berggruens neuesten Betrachtungen.

„Spielverderber“ waren die 25 Miniaturen ursprünglich überschrieben, was man gar nicht glauben wollte. Schließlich leben Berggruens Begegnungen gerade vom Spielerischen. Der Titel lautet nun eingeschränkt „Spielverderber, nicht alle“, und er ist ernster gemeint, als Berggruens Erzählstücke ansonsten erscheinen. Denn obwohl alles im gewohnt heiteren Ton daherkommt, so wird doch das Leichte, Schwebende grundiert von einer Trauer. Es ist die Trauer um eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, das alte Berlin, den besseren Benimm. Er selber würde das nie so direkt aussprechen. Und doch gibt ihm dieses Wissen um den Verlust jene Weitsicht, die das Große im Kleinen und das Kleine im Großen erkennen lässt.

Von jener widersprüchlichen Einsicht leben alle Betrachtungen Berggruens: sei es nun die wechselvolle Lebensgeschichte seines Onkels Sally, der als Jude nach Amerika emigrieren musste, oder die verunglückte Begegnung mit dem Chansonnier Charles Aznavour auf einem Transatlantik-Flug, der an Konversation völlig desinteressiert war, sich aber trotzdem gern einen Schuhlöffel bei seinem Sitznachbarn Berggruen geliehen hätte. Ob Onkel Sally oder Aznavour – über beide darf gelacht, geschmunzelt werden, auch wenn es tragische Figuren sind.

Elegant schlägt Berggruen in seinen Erzählungen den Bogen vom Pennäler Heinz, der mit seinen Klassenkameraden den Mädchen die Schleifen aus den Haaren zog, zum großen Kunsthändler, der mit einem Baron Thyssen auf Du und Du verkehrt, wenn auch nur für einen Abend. Natürlich gewinnen diese Anekdoten ihren Reiz aus den prominenten Protagonisten. Besonders hinreißend erzählt sind die Begegnungen mit den Künstlern, die Berggruen als Händler vertrat, selbst wenn es am Ende „Schelte von Matisse“ setzt für das missratene Gelb in einem Katalog.

Heinz Berggruen: Spielverderber, nicht alle. Betrachtungen. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2003. 80 Seiten. 12,30 Euro.

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