Kultur : Weniger ist manchmal mehr

Fasten hat viele Facetten – es ist nicht nur der Verzicht aufs Essen. Und manch einen macht es sogar glücklich

Adelheid Müller-Lissner

Siddhartha war ziemlich radikal: Zuerst verschenkte er sein Gewand an einen armen Brahmanen auf der Straße. Dann begann der Held von Hermann Hesses berühmtem Indien-Roman mit dem Fasten. „Er aß nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er fastete fünfzehn Tage. Er fastete achtundzwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm von Schenkeln und Wangen.“ Und er tat das nicht ohne ein Gefühl der moralischen Überlegenheit: „Sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging.“ Siddharthas Askese diente der spirituellen Erleuchtung, ganz nach Gandhis Erkenntnis: „Was die Augen für die äußere Welt sind, das ist das Fasten für die innere.“

Mindestens eine Million Bundesbürger sollen es inzwischen sein, die sich jedes Jahr wenigstens für kurze Zeit zum zeitweiligen Nahrungsverzicht entschließen. Die Ziele der meisten Fastenden sind aber heute profaner. Mit dem Fasten verbindet sich oft die ganz konkrete Absicht, ein paar Pfund Gewicht zu verlieren. Tatsächlich ist die Nulldiät, bei der der Organismus ganz vom Speichervorrat der Fettzellen lebt, ein relativ schnell wirkendes Mittel zur Gewichtsabnahme. Nur viel Wasser, Tee, Säfte und Gemüsebrühe sind bei den meisten Programmen erlaubt (siehe Kasten rechts). Der Hunger schwindet, wenn nach zwei Tagen Harnstoff und Säuren ansteigen – und der Magen nicht mehr abwechselnd gefüllt und gelehrt wird.

Dass es auch eine wichtige Selbsterfahrung sein kann, die eigene Willensstärke zu erproben, wird als Nebeneffekt gern „mitgenommen“. Gar keine Nahrung zu sich zu nehmen, kann zudem vielleicht sogar für begrenzte Zeit glücklich machen. Das zeigen nicht nur die Berichte vieler „Fasten-Erfahrener“, die jedes Jahr wieder eine solche nahrungsmäßige Auszeit planen. Auch Untersuchungen an Ratten legen nahe, dass Nahrungs-Karenz die Psyche stimuliert. Bei Tieren, die im Labor einige Tage hungern mussten, konnten danach deutlich größere Konzentrationen des Hirn-Botenstoffs Serotonin gemessen werden, der als „Glückshormon“ gilt.

Die mögliche Kehrseite der Medaille: Der Langzeiteffekt der zeitweiligen Nahrungsverweigerung ist keineswegs automatisch garantiert. „Jeder Dummkopf kann fasten, aber nur ein Weiser kann das Fasten richtig brechen“, sagt ein Bonmot von George Bernhard Shaw. Denn nach der Fastenzeit ist das weniger spektakuläre, aber dauerhafte Maßhalten und eine vernünftige Zusammenstellung des Speisezettels gefragt.

Durch das radikale Fasten allein lernt man das nicht. Der Berliner Ernährungs- und Gesundheitsberater Achim Göpfert, der seit zehn Jahren Fasten-Wander-Wochen gestaltet, schwört deshalb einerseits auf das Bewegungsprogramm an der frischen Luft, andererseits auf die begleitenden abendlichen Informationen zu gesunder Ernährung und Umgestaltung des Alltags.

Vom Fasten für Gesunde muss man das Heilfasten aus medizinischen Gründen unterscheiden. In der Abteilung für Naturheilkunde des Berliner Immanuel-Krankenhauses werden Menschen betreut, die wegen einer chronischen Krankheit nicht auf eigene Faust eine Fastenkur machen sollten. „Wir haben erstaunliche Erfolge bei Patienten mit Bluthochdruck, bei entzündlichen Erkrankungen der Gelenke, aber auch beim beginnenden Diabetes Typ 2“, sagt Rainer Stange, Leiter der Abteilung und stellvertretender Vorsitzender der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung.

Schon die sprachliche Herkunft beschränkt den Begriff „Fasten“ nicht auf den freiwilligen Nahrungsverzicht: Etymologisch kommt Fasten von „festhalten“. Im englischen „to fast“ hat sich die Doppelbedeutung erhalten. Wer fastet, hält sich an eine festgelegte Regel.

Die Regel muss nicht darin bestehen, für eine begrenzte Zeit ganz auf das Essen zu verzichten. Während des Ramadan zum Beispiel dürfen gläubige Moslems nach Sonnenuntergang durchaus essen und trinken. Auch für Christen war während der siebenwöchigen vorösterlichen Fastenzeit, die dieses Jahr am 9. Februar beginnt, das Essen niemals ganz verboten. Fasten hieß in der katholischen Kirche traditionell vor allem: Verzicht auf Fleisch – und auch das nur an bestimmten Tagen.

Mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ will die evangelische Kirche schon seit mehr als 20 Jahren dazu anregen, eine Fastenregel ganz persönlich auszuwählen. „Ohne“, das kann dann zum Beispiel heißen: Ohne Alkohol. Man möchte vielleicht erfahren, wie man sich fühlt, wenn man nicht auf diese Art der Stimulierung zurückgreift. Gleichzeitig kann man wacher werden für den Stellenwert, den das Glas Prosecco beim Geburtstagsempfang, der Wein zum Essen oder das Bier auf der Party in unserer Gesellschaft haben.

Eine solche Selbstverpflichtung dient aber manchmal auch der Klärung der Frage, ob aus einer Gewohnheit nicht unbemerkt eine psychische oder physische Abhängigkeit geworden ist. Der man mit anderen Programmen beikommen sollte. Insofern wären, je nachdem, auch sieben Wochen ohne Shopping oder sieben Wochen ohne Videospiele ein guter Test. Denn auch Kaufen und Spielen können zur Sucht werden.

Andere entscheiden sich für eine Zeit ohne Schokolade, Gummibärchen oder Fernsehkrimis. Um sie danach, mit geschärften Sinnen, vielleicht wohldosiert umso mehr genießen zu können. Und dann gibt es noch Ideen für zeitweilige Verzichts-Aktionen, die das Zeug dazu haben, zu dauerhaften Gewohnheiten zu werden: Wer sieben Wochen lang konsequent nicht Rolltreppe oder Aufzug gefahren ist oder mit dem Fahrrad statt mit dem Auto ins Büro fuhr, freut sich über eine bessere Kondition – und bleibt möglicherweise bei diesem wenig aufwändigen Fitness-Programm. Eine Studie, die gerade im Wissenschafts-Magazin „Science“ erschienen ist, weist auf den beträchtlichen Effekt des bewegten Alltags für die schlanke Linie hin: 20 bekennende „Sport-Muffel“ wurden dafür mit Bewegungs-Sensoren ausgestattet. Die Messungen ergaben: Die Schlanken unter ihnen hatten sich, ohne das groß zu bemerken oder gar als „Sport“ zu registrieren, mehr bewegt. So banal die kleinen Veränderungen der Alltagsgewohnheiten scheinen mögen, sie können helfen.

Weitere Infos:

Aktion „Sieben Wochen ohne“ im Internet: www.7-wochen-ohne.de

Fasten-Wander-Urlaub: zum Beispiel bei „natura sanat“, Tel.: 427 64 28

Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung im Internet:

www.aerztegesellschaft-heilfasten.de

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