Kultur : Weniger tanzen, mehr malen

Der Choreograf Russell Maliphant eröffnet das „Context“-Festival im Hebbel am Ufer

Sandra Luzina

Russell Maliphant ist ein Mann des Understatements. Für viele der angereisten Veranstalter war er der herausragende Choreograf bei der diesjährigen British Dance Edition, der Tanzplattform, die Ende Januar im Universitätsstädtchen Cambridge stattfand.

Im altenglisch-rosa Frühstückssalon des dortigen Hotels begegnet man einem nachdenklichen Künstler, der jedes Wort genau abwägt. Und der kein Aufhebens macht. Auch als er erzählt, dass er sich gerade bei einem Motorradunfall verletzt hat, klingt das ganz undramatisch. Wenn man ihm schließlich sagt, dass man ihm und seiner Choreografie die Ballett-Vergangenheit nicht ansieht, fasst er das als Kompliment auf. Auch die beiden hübschen Boys in „Choice“ verstehen sich in ihrer lässigen Anmut auf die Kunst des Understatements.

Der 41-jährige Maliphant hat seine Wahl getroffen. Mit 16 Jahren begann er seine Ausbildung an der Royal Ballet School, danach tanzte er in der Sadlers Wells Royal Ballet Company. 1988 verließ er das renommierte Ensemble, um sich dem zeitgenössischen Tanz zuzuwenden. Er war für ein Projekt mit der Rabaukentruppe DV8 engagiert, als ihn der Schock ereilte. „Ich sollte wie ein normaler Mann aussehen und nicht wie ein hochtrainierter Balletttänzer, aber es ging nicht. Das fand ich furchtbar!“ Und war Auslöser für einen radikalen Richtungswechsel.

Der Tänzer orientierte sich neu: Vor allem die sanfteren asiatischen Techniken faszinierten ihn nun. So vertiefte er sich in Yoga und Tai Chi – es gab auch eine längere Phase, wo er gar nicht tanzte, sondern malte. Ein Lernprozess war dies, so Maliphant, der viel mit „undoing“ zu tun hatte: „Es war nicht einfach, diese klassischen Bewegungsmuster wieder zu verlernen – sie schreiben sich regelrecht in deinen Körper ein.“

Die unterschiedlichen Einflüsse amalgamiert Russell Maliphant zu einer eigenen Handschrift. Damit ist er einer der interessantesten Vertreter der fusion-Ästhetik, die in Großbritannien derzeit angesagt ist. Die New-Asians-Welle schwappt über die Insel. Maliphant jedoch zeigt keinen Ethno-Kitsch, sondern abstrakten Tanz, sehr pur und klar und in seiner fließenden Energie von hinreißender Sinnlichkeit. Hellwach und zugleich wie in Trance agieren die Tänzer zur Ambient-Musik des indischen Komponisten Mukhul. Der Zuschauer nimmt die beglückende Erkenntnis mit: Go with the flow.

Das zweitägige Gastspiel der Russell Maliphant Company ist einer der Höhepunkte des neuen Berliner Tanzfestivals „Context“ im Hebbel am Ufer. Das Nachfolgefestival des Tanzwinters kommt mit neuem Konzept daher: „Dies ist eher ein Festival der kleineren Formate“, erläutert HAU-Dramaturgin Bettina Masuch; neben den Aufführungen stehen Vorträge und Diskussionen. „Die Anregung kam aus der Tanzszene selbst: Viele Choreografen vermissen eine andere Ebene der Reflexion über ihre Arbeit.“

Und so bietet diese neue Reihe ein weites ästhetisches Spektrum: von der Inspiration durch einen literarischen Stoff bei François Verret über das Schreiben mit Körperbewegung bei Maliphant und die Frage nach dem Tänzer-Kollektiv bei Prue Lang oder Bojana Cvejic bis zu den konzeptuellen Arbeiten von Jérôme Bel und Xavier Le Roy.

HAU 1 (Hebbeltheater): „Context 1“ heute und morgen, jeweils 19.30 Uhr. Das Festival im HAU 1, 2 und 3 dauert bis zum 28.2.

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