Kultur : Wenn anderswo die Stiefel knallen

MARKO MARTIN

Die Verhängung des Kriegsrechts in Polen heute vor 15 Jahren wurde von deutschen Intellektuellen beflissen gerechtfertigt VON MARKO MARTIN

Dies ist keine Ost-West-Geschichte.Es ist nicht einmal eine Geschichte, die vom Konflikt zwischen Geist und Macht berichten könnte.Es ist eine Geschichte, in der interniert und gefoltert, gedroht und geschossen wird, in der man aber andererseits auch blumige Reden gehalten und "Besonnenheit" angemahnt hat - und die, die man zur Besonnenheit auffordert, sind genau diejenigen, die man gerade verhaftet, zusammenprügelt und in Lager steckt.Blut in Polen, diplomatisches Lavieren in Deutschland - eine fast schon vergessene Geschichte. Begonnen hatte es im Sommer 1980, als von der polnischen Parteiführung beschlossene Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel zu den ersten Streiks führten, die im August in der Besetzung der Danziger Leninwerft gipfelten.Einen Monat später wurde "Solidarnosc" gegründet und vom Regime als Gesprächspartner anerkannt.Die DDR schloß daraufhin ihre Grenze nach Polen, Honecker drängte bei Breschnew auf militärisches Eingreifen.In der Nacht zum 13.Dezember 1981 schlagen die Hardliner schließlich zu: General Jaruzelski, der stets in Uniform und dunkler Sonnenbrille auftritt, verkündet den Kriegszustand: "Solidarnosc" wird verboten, über 10.000 Personen werden interniert, bei der Räumung der Zeche "Wujek" gibt es die ersten Toten. Die erste deutsch-deutsche Reaktion besteht daraufhin in einer Pressekonferenz, in der Bundeskanzler Schmidt, gerade zu Staatsbesuch in der DDR, zu Protokoll gibt: "Herr Honecker ist genauso bestürzt gewesen wie ich, daß dies nun notwendig war." Daß dies nun notwendig war! Das "Neue Deutschland", das in den Monaten vorher in Hetztiraden über die "polnische Schlamperei" eine Propaganda betrieben hatte, die auch eines Goebbels würdig gewesen wäre, konnte sich freuen.Die bundesdeutschen Medien zogen nämlich nach.Selbstverständlich nicht ganz so brutal, sondern kaschierter. "Man muß ihm Gelingen wünschen", schrieb Theo Sommer in der "Zeit" und meinte damit nicht etwa den Arbeiterführer Walesa, sondern den Junta-Chef Jaruzelski.Aber eigentlich war es ohnehin "Unsinn, von einer Junta zu sprechen.Es ist kein Putsch, sondern das äußerste Mittel des Staates im Rahmen seiner Allianz-Souveränität".Dies schrieb Egon Bahr am 24.Dezember 1981, und daß er dies gerade im traditionsreichen "Vorwärts" tat, macht dieses kaltschnäuzige Adieu auf das alte sozialdemokratische Ideal der Areitersolidarität besonders fragwürdig. Selten zuvor hatten deutsche Publizisten so eilfertig einer Regierungspolitik sekundiert, wobei sie sogar noch das Kunststück vollbrachten, sowohl den Herren in Bonn als auch denen in Warschau devote Signale zu senden."Militärdiktatur; das Wort klingt im Polnischen nicht so schlimm wie im Deutschen, an der Weichsel herrschen andere Traditionen", schreibt Peter Bender am 11.Dezember, also noch zwei Tage vor der Kriegsrechtsverhängung in der "Zeit" und gibt Ratschläge: "Aussicht auf Erfolg aber hätte sie (die Militärdiktatur, M.M.) nur, wenn sie mit äußerster Konsequenz vorginge." Was dann ja auch geschah.Die erträumte Symbiose von Macht und Geist erfüllte sich in der Kollaboration von Machtmißbrauch und Geistlosigkeit.Jaruzelski erscheint als die Inkarnation der Wunschvorstellung des deutschen Spießers, der nichts so sehr fürchtet wie Aufbegehren."Mehr als Arbeit und Disziplin verschreiben kann der polnischen Nation ohnehin kein Mensch auf der Welt", schreibt Peter Rühmkorf, "doch wer bringt neben der nötigen Courage auch noch die Macht auf, sie tatsächlich zu verordnen?" Es wäre interessant, nachzuschauen, wie die deutsche Rechte auf den Pinochet-Putsch von 1973 reagierte - unter Umständen würden sich verblüffende Parallelen ergeben, Indikatoren für eine gesamtdeutsche Mentalität, die gestern wie heute, links wie rechts, ganz aus dem Häuschen gerät, wenn anderswo die Stiefel knallen. Selbst die "Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner" hatte damals nichts Eiligeres zu tun, als davor zu warnen, "Polen aus seinen politischen, wirschaftlichen und militärischen Bündnisbeziehungen herauszubrechen".Kriegsdienstverweigerer, die 1981 um die Stabilität militärischer Bündnisbeziehungen besorgt sind, die 1991 Saddam Huseins Drohung, "Israel in ein einziges Krematorium umzuwandeln", wortlos hinnehmen; schließlich Multi-Kulti-Schwärmer, denen das Schicksal der Stadt Sarajevo 1995 unwichtiger erscheint als das Fischsterben vor Mururoa - eine Kontinuität des Wegschauens und Versagens tut sich hier auf."Gerade die Intellektuellen", schreibt Walter Jens, "haben in den letzten Jahren erfahren, daß sich mit Diplomatie mehr als mit markig verbalradikalem Spruch bewirken läßt". Hier wird der Abschied vom Intellektuellen Zolascher Prägung endgültig vollzogen, und der Brechtsche Tui tritt auf die Bühne, jenes Wesen, das seine Daseinsberechtigung vor allem darin sieht, die Untaten seiner jeweiligen Herren mit schönen großen Worten sanft zu flankieren."Behutsamkeit also im Fall Polen", rät Jens.Pech nur, daß diese Behutsamkeit weder den internierten Intellektuellen (einige wie Andrzej Szczypiorski waren schon unter den Nazis im KZ gewesen) noch den streikenden Arbeitern zugute kam, sondern einzig und allein einem Regime, das sich durch das Schweigen des Westens zusätzlich legitimiert fühlen konnte. Nicht zufällig war die Bundesrepublik das erste westliche Land, das mit Jaruzelskis Stellvertreter Rakowski im Februar 1982 ein Mitglied der Militärregierung offiziell empfing und kurz darauf Herbert Wehner auf Staatsbesuch nach Polen schickte. Allerdings agierten auch die französischen Sozialisten kaum anders."Das ist eine interne Angelegenheit Polens", verkündet Premierminister Mauroy.Die französischen Intellektuellen aber melden sich sofort zu Wort.Pierre Bourdieu und Michel Foucault initieren einen Appell, dem sich immer mehr anschließen: Costa-Gavras, Marguerite Duras, Claude Sautet, Simone Signoret, Yves Montand...Besonders Montands emotionaler Zornausbruch im Fernsehen reißt die Öffentlichkeit aus ihrer Apathie: "Sie haben freie Wahlen verlangt in Polen.Freie Wahlen! Das Allerelementarste!" Schließlich wurden auch akut bedrohte polnische Intellektuelle wie Adam Michnik in den französischen PEN aufgenommen.Im deutschen PEN tat sich nichts; die "Polen-Affäre" schien man dort als derart marginal zu betrachten, daß man erst gar keine Resolution verfaßte, sondern sich nur dem Protest des österreichischen PEN anschloß. Im Sommer 1983 wurde schließlich der Polnische Schriftstellerverband, seit Verhängung des Kriegsrechts ohnehin suspendiert, von den Militärs zwangsaufgelöst.Der damalige VS-Vorsitzende Bernt Engelmann verfaßte daraufhin eine diplomatische Note, in der er im Namen der deutschen Schriftsteller die "Wiederzulassung eines Schriftstellerverbandes" forderte.Daß das Wörtchen "ein" auf die Toleranz irgendeines von den Militärs eingesetzten "Quisling-Verbandes" (Hans Christoph Buch) hinauslaufe, erkannten genügend Autoren und setzten Engelmanns Rücktritt durch.Die damalige Reaktion von Günter Grass, Peter Schneider, F.C.Delius, Jürgen Fuchs, Yaak Karsunke, Hannes Schwenger, H.C.Buch, Heinrich Böll und anderen war für ihre polnischen Kollegen ein wichtiges Solidaritätssignal. Als sich Stefan Heym im Januar 1982 in einem "taz"-Interview gegen das Kriegsrecht aussprach, blieb dies die einzige öffentliche Protest-Reaktion eines bekannten DDR-Autors.Kein Wunder - während der Dezembertage der Kriegsrechtverhängung hatte die "Erste (Ost-)Berliner Begegnung zur Friedensförderung" stattgefunden, und schon da hatten es die DDR-Schriftseller nicht für nötig gefunden, ein Wort über Polen zu verlieren. Der Protest kam vom Rand her, und es wäre an der Zeit, sich an dessen Protagonisten zu erinnern.Etwa an den Theologiestudenten Eckehard Hübner, der für "Schmuggel von `Solidarnosc`-Material" ein Jahr in Haft kam, ohne daß die Kirche etwas unternahm, oder auch an den Fall von Roland Jahn, der mit einem kleinen polnischen Fähnchen am Fahrrad durch Jena fuhr und deshalb vom MfS verhaftet und zwangsausgebürgert wurde.Noch nicht geschrieben ist auch die Geschichte jener DDR-Untergrundpublikation "Oder" von 1987, die in einer Auflage von 1000 Exemplaren kursierte und Texte von deutschen und polnischen Oppositionellen veröffentlichte.Nicht zufällig stammten die drei Initiatoren nicht aus dem juste milieu der domestizierten Literaten: Ludwig Melhorn war Mathematiker, Joachim Zeller Slawist und Michael Bartoszek Chemiker. Als maßgebliche deutsche Intellektuelle zu zynischen Diplomaten wurden, haben Menschen wie diese ihre Augen vom Unrecht, das damals in Polen geschah, nicht abgewandt.Es lohnt sich, an sie zu erinnern.

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