Kultur : Wenn Baustellen wandern

Silvia Hallensleben

rühmt die Macht des Dokumentarfilms Lange scheint es noch nicht her, als wir Berliner mit „der größten Baustelle Europas“ prunkten. Doch Baustellen sind untreue Genossen. Diese ist einfach weitergezogen, in London-Heathrow zum Beispiel lockt das Projekt „Terminal 5“. Jetzt müssen sich unsere Baufirmen wieder mit U-Bahn-Tunneln und Straßenlöchern abgeben. Die netten polnischen und englischen Bauarbeiter in ihren Metallschachteln sind auch weg. Doch dafür dürfen jetzt vielleicht ein paar unserer Jungs in England arbeiten. In der globalen Realität gibt es die so genannte Zeitarbeit längst, die auch über Kontinente hinweg Arbeitskräfte verschiebt wie Container und Schnittblumen. Robert Cibis und Lilian Franck haben sich schon länger mit der privaten Arbeitsvermittlung beschäftigt, bevor sie jetzt für einen Arte-Themenabend mit einer 52-minütigen Dokumentation zum Thema beauftragt wurden. Kapital Mensch heißt der Film, für den die beiden an drei Orte gegangen sind, wo Menschen mit Menschen handeln. Nach Zypern, wo die frisch aus Sri Lanka eingeflogene Chamila von ihrem Agenten an ihrer neuen Arbeitsstelle als Dienstmädchen abgeliefert wird. Nach Magdeburg, wo zwei arbeitslose Jungs mit Handwerksausbildung von den reizenden Damen einer holländischen Agentur zu „T 5“ vermittelt werden. Und nach Manhattan, wo ein Headhunter sich auf die Abwerbung von First-Class-Personal spezialisiert hat und seinen potenziellen Spitzenkandidaten inspiziert. Während der Manager im gepflegten Tete-à-tete mit dem Headhunter seine persönlichen Schwächen analysiert, wird die dreifache Mutter angehalten, bloß keine „verrückten Sachen“ wie etwaige Heimatanrufe zu machen. Volker und Dirk werden erst mit zwei Monaten Englisch-Intensiv für den London-Einsatz fit gemacht und dann nach Österreich geschickt. „Kapital Mensch“, den Arte am 28. September ausstrahlt, hat am Mittwoch Kinopremiere im Babylon-Mitte.

Als im September 1999 in Russland mehrere Mietshäuser von Detonationen zerrissen wurden, schien die Täterschaft klar. Doch dann verdichteten sich Vermutungen, dass der russische Geheimdienst FSB mit der blutigen Tat Stimmung für den Krieg in Tschetschenien machen wollte. Der russische Regisseur Andrej Nekrasov hat diese Vorwürfe in einem Dokumentarfilm untersucht, der sich in zwölf Kapiteln von privaten Familiengeschichten zu den bei uns immer noch allzu gern übersehenen Kriegsverbrechen in Mittelasien vorarbeitet. Neben Putin und Konsorten steht dabei eine in den USA lebende Exilrussin im Zentrum: Tanya Morozova-White und ihre Schwester, die bei den Anschlägen ihre Mutter verloren haben und sich gemeinsam mit einem Rechtsanwalt auf Wahrheitssuche machen. Dass Disbelief seine aufklärerische Botschaft manchmal mit hohl dramatisierenden Einsprengseln und gefühlsduseligen Nahaufnahmen verstellt, tut der Bedeutung des Films kaum Abbruch. Am Mittwoch in der Akademie der Künste kann der Film gesehen und gemeinsam mit dem Regisseur und Menschenrechtsaktivisten diskutiert werden. Moderation: Sonia Mikich.

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