Kultur : Wenn Blicke töten: Peter von Becker über das "Wegsehen" im Mordfall von Sebnitz

"Bitte, bitte! Schaut nicht mehr weg!" betitelt die "Bild"-Zeitung ihre moralisch gemeinte, freilich auch spekulative Leichen-Schau: das Foto eines toten Kindes, aufgebahrt und umarmt von der trauernden Mutter - die sich in diesem Moment filmen ließ. Ein schreckliches, ein erschreckendes Bild.

Aber haben sie in jenem Schwimmbad im sächsischen Sebnitz, als der kleine Junge malträtiert und wahrscheinlich ermordet wurde, wirklich weggesehen?

Hierzu ein eigenes Erlebnis. Fern von Sachsen. Es ist später Nachmittag, ein heller Tag, Frühsommer in einer im Inneren oft düsteren, von Zerfall und Morbidezza gezeichneten Stadt. Das erste Mal, damals, in Palermo-City, wo das Gefängnis am Hafen von Schützenpanzern bewacht wird und der Wirt seinen Gästen später am Abend nur einzeln, auf Klopfzeichen die Tür seiner Trattoria öffnet. Du bist allein an diesem Nachmittag und Abend: Ein Theaterfestival im Süden Siziliens, dort, wo sich die europäische Kulturmafia dann wieder vereint in komfortabler Sicherheit wiegt, beginnt erst am nächsten Tag.

Ich trage keine Kamera, und die fotokopierten Seiten eines Kunstführers sind mit dem Stadtplan eingelegt in ein Buch ohne Umschlag. Wer dich beobachtet, wird den Touristen trotzdem erkennen. Doch wer beobachtet einen schon, wenn man drei, vier Stunden lang durch Kirchen, Katakomben und bröckelnde Paläste streift. Auf dem Rückweg zum Hotel hat bereits das Gefühl der Vertrautheit mit dem Ort begonnen. Also wählst du auch eine Abkürzung, eine Seitenstraße. Und mitten in der Stadt, im noch immer hellen Licht des Südens spürst du plötzlich: Etwas ist anders. Anders als eben noch, vor einer Minute. Das Pflaster endet, die kleine Straße ist sandig, sehr still, und du fühlst ein Kribbeln im Rücken. Jemand folgt dir. Oder doch nicht? Sollst du einfach kehrtmachen und dem Verfolger (oder dem Nichts?) ins Gesicht sehen?

Lächerlich. Da sitzen die alten Frauen, die schwarzröckigen Mamas, vor den Hauseingängen und schälen die Zwiebeln, schneiden die Tomaten für die Pasta am Abend. Das ist noch immer Italien, und an einer schäbigen Wand erkennst du jetzt ein Messingschild mit dem Namen eines Centro culturale. Was soll hier, ausgerechnet vor einem Kulturinsitut, passieren! Es wäre gelacht. Dann der Nackenschlag. Schon drehen sie dir im Polizeigriff (im Polizeigriff!) die Arme auf den Rücken, drei kräftige ragazzi, und du hast ein Messer an der Brust.

Jetzt ist die Wahrnehmung überscharf. Der Schock löst die Spannung der unbestimmten Verfolgungsangst - du bist kalt wie dein Schweiß. Erstechen werden sie dich wohl nicht. Aber geht das Messer beim Aufschneiden des Hemds oder der Hose bis auf die Haut? Da reißen sie dir die Börse aus der Hose, und gerade hattest du einige hundert Mark gewechselt. Das müsste reichen. Wortfetzen, ich bitte die Jungs, mir Karten und Ausweis zu lassen. Ein Sekundendeal, darauf fliegt die gefledderte Brieftasche ein paar Meter weit weg in den Sand, und die Drei sind verschwunden. Wieder die Stille.

Nicht die Nötigung, nicht der Raub oder der körperliche Schmerz machen die Demütigung aus. Das Opfer ist beschämt, als es niederkniet und Kredit- und Scheckkarten mitsamt den Ausweisen vom Boden klaubt. Dann blickst du auf, siehst noch immer die Mamas mit den Zwiebeln und Tomaten vor ihren Häusern hocken. Nein, sie schauen nicht weg. Sie schauen - durch dich hindurch. Und ich begreife, dass gar nichts geschehen ist. Weil ich gar nicht existiere.

Es waren ja ihre eigenen Söhne. Das Opfer war der Fremde, darum gab es keine Tat, keine Täter, keine Zeugen (nur die omertà, das Gesetz des Schweigens) und nicht mehr mich selbst. In diesem Moment kam das Entsetzen, und ich begann zu rennen. Und rannte, rannte nur.

Diese Geschichte in Sizilien ist einige Jahre her. Angesichts des Sebnitzer Falls, dieses ungleich schlimmeren, ist sie mir wieder eingefallen. Denn es stimmt eben nicht, dass die Menschen wegschauen, wenn in der Öffentlichkeit, am helllichten Tag ein Mord geschieht, ein Überfall. Auch als vor 60 Jahren Millionen verhaftet, gedemütigt, deportiert wurden, gab es immer die Zuschauer. Nur wer sich schämt, schlägt die Augen nieder. Eine schweigende Mehrheit aber schaut zu wie unter weggeschnittenen Lidern: nicht blind, sondern verblendet. Mitleidlos das Gesehene verdrängend, weil die Opfer immer die anderen sind. Fremde, Objekte, nicht (mehr) Mitmenschen. Nicht beim Wegsehen, beim Zusehen beginnt das Verbrechen, das den anderen, mit stummen Blicken, schon zu Lebzeiten tötet.

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