Kultur : Wenn der Bär mit dem Philosophen Eröffnung der Musikfestspiele Potsdam

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Am 14. Januar 1728 treffen der preußische König Friedrich Wilhelm I. und sein 15-jähriger Sohn Friedrich zum Staatsbesuch bei August dem Starken in Dresden ein. Der Besuch verändert die preußische Musikgeschichte: Friedrich ist beeindruckt von der Dresdner Hofmusik – und wird sein Leben lang versuchen, den sächsischen Glanz zu imitieren.

Für die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci ist die historische Begegnung Anlass, sich dem Thema Dresden zu widmen. Am Vorabend der Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag Friedrichs 2012 können die Besucher die Vorgeschichte der Berliner Klassik in vielen Facetten erleben. Zahlreiche Alte-Musik-Größen – Anton Steck, Vivica Genaux, Vacláv Luks und Philippe Pierlot – wurden gewonnen. Und auch Christina Pluhar, die am 19. Juni die Premiere von Bontempis „Il Paride“ dirigiert, jener Oper, mit der 1662 die Vorliebe der Dresdner für italienische Opern ihren Anfang nahm.

Auf dem Festival wird der legendäre „Schranck II“ geplündert, eine Notensammlung, die für die Musikgeschichte ein ähnlicher Schatz ist wie das Grüne Gewölbe für die Kunstgeschichte. Etliche der Dresdner Prunkkonzerte packt das Ensemble „L’Aura Soave Cremona“ beim Eröffnungskonzert aus – im Wechsel mit dem Kabarettisten Uwe Steimle, der mit einem virtuellen Rundgang durch das Grüne Gewölbe ein gewitztes Porträt der sächsischen Seele zeichnet.

Mut zum Risiko beweist das neue Format „Junge Barockoper Sanssouci“, bei dem jene Oper produziert wird, die der 15-jährige Kronprinz in Dresden sah: „Calandro“ von Giovanni Alberto Ristori. Mehr noch als die galant angehauchte Musik reizt das aktuelle Libretto von Stefano Pallavicino: Am Beispiel eines von der Menschheit enttäuschten Philosophen, der sich mit einem Bären in die Wildnis zurückzieht, sowie eines aufs Land entflohenen Liebespaars demontiert Pallavicino manche noch heute lebendige Illusion von Liebe und Landleben. Das Ensemble Kaleidoskop spielt frisch und klar, unter den Sängern ragen Altistin Maria Sanner und Bariton Christian Oldenburg heraus. Kostüme und Bühnenbild schlagen die Brücke zwischen Parkumgebung und Gegenwart.

Ausgerechnet beim Bären (hier ein völlig menschlich gekleideter Jüngling) überzeugt die szenische Umsetzung nicht. Das erschwert es Regisseur Hendrik Müller, die hintergründige Geschichte mit den italienisch belassenen Arien zu erzählen. Jugendliche und Opernneulinge bleiben daher bei den Fahrradkonzerten wohl besser aufgehoben. Carsten Niemann

Noch bis 26. Juni

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