Kultur : Wenn der Funke überspringt

Wie schafft man es, Jugendliche für die Bühne zu begeistern? Eine Reise in den Bauch des Theaters

Andreas Schäfer

Die vier in den glitzernden Ganzkörperanzügen geben sich alle Mühe: Sie juckeln in Holzkästen mit aufgeklebten Kaffeetassen über die Bühne, führen Zaubertricks vor, locken mit Bonbons und servieren in der Pause sogar echte Hotdogs. „Frau Lehrerin, das ist lustig“, sagt ein Mädchen mit schwarzen Zöpfen. In der Tat: Die vier Mitglieder der Performance-Gruppe „Showcase Beat Le Mot“, die im Theater an der Parkaue gerade ihre Version des „Räuber Hotzenplotz“ vorführen, können sich über mangelnde Reaktion aus dem Publikum nicht beklagen. Johlen, Klatschen, Handlungsvorschläge: „Wünsch dir doch, dass du fünftausend Wünsche frei hast!“ Den größten Lacherfolg bringt aber kein Gag, keine Grimasse, kein Effekt von der Bühne, sondern ein Zwischenruf aus dem Publikum. Als der Räuber Hotzenplotz und der Zauberer Zwackelmann gerade mit einer Prise Schnupftabak den Verkauf des Kaspar besiegeln, fragt jemand aus der letzten Reihe: „Ist das Koks?“ Die Menge grölt, die Erwachsenen halten die Luft an. Der Junge, der bei Schnupftabak sofort an Kokain denkt, geht in die dritte Klasse, ist also nicht älter als acht. Das sagt viel. Nur was?

Eine halbe Stunde später sitzt Sascha Bunge im Intendantenbüro des „Kinder und Jugendtheaters“ und wundert sich darüber, dass die Inszenierung so linear aufgebaut war. Dabei hatte man die Performance-Gruppe aus dem Dunstkreis der Giessener Schule doch extra eingeladen, um ein bisschen nichtlineares Diskurs-Theaters auf der Kinderbühne zu erleben. Und dann erzählen sie nicht nur von vorn nach hinten weg, sondern bieten zum Schluss noch eine gerappte Moral von der Geschicht’: Kinder, lest viele Bücher, damit ihr lernt, Gut von Böse zu unterscheiden.

„So etwas mögen die Lehrer natürlich. Die meisten sehen Theater schlicht als Lebenshilfe. Gerade wurde an uns der Wunsch herangetragen, etwas zum Thema Alkohol zu machen. In manchen Schulen trinken Sechsklässler in der großen Pause schon ihr erstes Bier. Uns kommt es aber auch auf die ästhetische Erfahrung an. Und darauf, Diskussionen in Gang zu setzen. Wir wollen die Konflikte ja nicht befrieden.“ Sascha Bunge ist Oberspielleiter und stellvertretender Intendant des Theaters an der Parkaue, und während er über den Spagat zwischen Lebenshilfe und künstlerischem Anspruch spricht, den sein Haus zu bewältigen hat, fällt auch ein Begriff, der seit über einem Jahr in der Berliner Kulturlandschaft eine immer größere Rolle spielt.

Der Begriff heißt „kulturelle Bildung“, und seit es dazu sogar einen Passus im Koalitionsvertrag der rot-roten Regierung gibt, führt er zu einem Rumoren im Bauch der Institutionen. Einfach gesagt, soll mit einer „Offensive zur kulturellen Bildung“ die immer weiter klaffende Schere zwischen der Jugend und der sogenannten klassischen Kultur wieder geschlossen werden. Konkret bedeutet dies, dass zum Beispiel „Künstler aller Kunstsparten als externe Expertinnen und Experten in den Schulen ergänzend zum herkömmlichen Kunstunterricht Angebote zur kulturellen Bildung machen“. Umgekehrt werden Kultureinrichtungen wie Opern und Theater dazu angehalten, „Projekte für Kinder und Jugendliche“ zu entwickeln. Das Projekt „Theater und Schule“, kurz „Tusch“ genannt, bei dem die Theater mit Patenschulen zusammenarbeiten, gibt es seit 1998. Neuerdings sprießen an den großen Berliner Häusern verstärkt Jugendklubs, Stückeinführungen, Diskussionen und Workshops aus dem Boden, die meisten freilich weniger prominent besetzt als das Tanzprojekt der Philharmonie, festgehalten im Dokumentarfilm „Rhythm Is It“.

Wie eine Studie des Deutschen Kulturrates Anfang 2006 feststellte, bricht den Theatern der Zuschauernachwuchs weg. „Jetzt zeigt das Berliner Ensemble ein Weihnachtsmärchen, und das Deutsche Theater macht auch einige hilflose Versuche. Aber die kann man theaterpädagogisch nicht ernst nehmen“, sagt Bunge. Wie kompliziert die Arbeit für Kinder und Jugendliche sein kann, zeigt sich auch an seinem Theater. Nur etwa fünf Prozent der Zuschauer kommen aus eigenem Antrieb, alle anderen mit Lehrern oder Eltern, dementsprechend durchwachsen ist ihr Interesse. Von demotivierten Schülern im Schlepptau begeisterter Lehrer kann auch Uta Plate ein Lied singen. Sie ist Theaterpädagogin an der Schaubühne, leitet die Theatergruppe „Die Zwiefachen“ mit Jugendlichen aus betreuten Wohngemeinschaften und bereitet Schüler in Gesprächen auf Inszenierungen vor. Zum Beispiel auf „Drei Schwestern“ von Tschechow.

Statt der angemeldeten zwanzig sind aber nur sechs gekommen, die im ansonsten gähnend leeren Zuschauerraum am liebsten in ihren Sitzen verschwinden würden. „Das Stück handelt von platzenden Lebensträumen. Wenn ihr die Wahl zwischen Arbeit, Liebe, Familie hättet, wie würdet ihr entscheiden?“ „Familie“, flüstert ein Mädchen nach langem Schweigen. „Familie“, flüstert noch ein Mädchen. Uta Plates große Augen werden noch größer. „Und Beruf? Wir wollten uns damals alle selbst verwirklichen.“ Aber auch mit Witzen will das Gespräch nicht in Gang kommen. „Na ja. Vielleicht habt ihr ja noch Fragen an die Schauspieler, wenn die Vorstellung vorbei ist.“

Was passiert, wenn der Funke überspringt, kann man einige Tage später in Plates vierstündigem Workshop zu der Inszenierung „Die Verstörung“ von Falk Richter erleben. Neben fünfzehn Interessierten und einem älteren Ehepaar, das eine offene Probe erwartet hat und dann plötzlich seine Schuhe ausziehen soll, nimmt eine 11. Klasse eines Neuköllner Gymnasiums an der gruppendynamischen Sitzung teil. Im Kreis sitzen und negative Eigenschaften bekennen. Schweißtreibende Jagden, freies Fünfsekundenassoziieren zum Thema Nähe und Distanz. Falls es zwischen diesen auf zehn mal zwanzig Metern zusammengesperrten Unbekannten jemals gefremdelt haben sollte, ist davon nach einer Viertelstunde nichts zu spüren.

Dann beginnt die eigentliche Theaterarbeit und Uta Plate – streng und humorvoll wie eine Yoga-Meisterin – lässt nach Sockenfarbe gebildete Paare mit Sitzen, Stehen, Liegen, Gehen wortlose Geschichten über den Verrat erzählen. Zwei Stunden später präsentieren die Paare Szenen aus dem Stück. Nachdem ein 16-jähriger Schüler einem anderen aufs Herzergreifendste seine Liebe gestanden hat, sagt Uta Plate: „So etwas Mutiges habe ich selten erlebt. Normalerweise wollen Jungs in eurem Alter keine Schwulen spielen, aus Angst, gedisst zu werden.“ Der junge Lehrer, der mit einem mulmigen Gefühl zum Workshop gekommen ist , erkennt seine Schützlinge ohnehin kaum wieder. „Ich möchte in eine Theatergruppe und bin froh, dass unsere Klasse nicht nur albern sein kann“, sagt eine Schülerin im Schlusskreis. Uta Plate neigt leicht den Kopf und lächelt, nicht ohne Stolz.

Informationen: www.schaubuehne.de, www.parkaue.de. Die nächsten Aufführungen von „Räuber Hotzenplotz“ im Theater an der Parkaue, Parkaue 29 (Lichtenberg): heute 16, 14.2., 10 Uhr (beide ausverkauft)

0 Kommentare

Neuester Kommentar