• Wenn der Himmel Feuer speit - wie sich die Zivilisation auf die verdeckte Sonne vorbereitet

Kultur : Wenn der Himmel Feuer speit - wie sich die Zivilisation auf die verdeckte Sonne vorbereitet

Jörg von Uthmann

Paco Rabanne, der Modeschöpfer, wird sich am 11. August nicht in Paris aufhalten. An diesem Tag erwartet er für die Stadt, in der er seit einem halben Jahrhundert lebt und arbeitet, das Schlimmste. Die russische Raumstation Mir, prophezeit er in seinem Buch "1999 - Le feu du ciel" (Das Feuer des Himmels), werde um 12 Uhr 23 - also genau in dem Augenblick, in dem sich die Sonne über Paris verfinstert - abstürzen und grässlichen Schaden anrichten. Rabanne ist nicht der einzige Franzose, dem vor der Sonnenfinsternis graut. Die Astrologin Elizabeth Teissier hat errechnet, dass die zum Uranus entsandte Cassini-Sonde am 11. August genau 666 Tage unterwegs sein wird. 666 - das ist die fürchterliche Zahl, die das siebenköpfige Tier der Apokalypse symbolisiert. Vier Tierkreiszeichen - Stier, Skorpion, Wassermann und Löwe - stehen am 11. August in einer kreuzförmigen Konstellation, die zuletzt 1794 gesichtet wurde, auf dem Höhepunkt des revolutionären Terrors. Fazit der vorsichtigen Astrologin: Auch wenn es nicht zur großen Katastrophe komme, dem Absturz der Sonde mit schätzungsweise 200 000 Toten, müsse doch mit Ereignissen gerechnet werden, "die das kollektive Gewissen erschüttern".

Auch die französische Regierung ist nicht untätig geblieben. Getreu ihrer paternalistischen Tradition hat sie am 11. August den Lastwagenverkehr zwischen 11 und 14 Uhr verboten. Pkw-Fahrern rät sie, ihr Vehikel an diesem Tag zu Hause zu lassen. Das halbe Kabinett zeigte sich mit Spezialbrillen, die das Auge vor den tückischen Sonnenstrahlen schützen. Nicht weniger als 35 Millionen dieser Brillen wurden aus öffentlichen Mitteln subventioniert, um Schäden von der Volksgesundheit abzuwenden. Die Zeitungen sind voller Warnungen, nicht dem Beispiel des Jesuitenpaters Scheiner zu folgen, der als erster die Sonnenflecken beobachtete: Er bezahlte seine Entdeckung mit dem Augenlicht.

Die ungewöhnlich starke Anteilnahme der französischen Modeschöpfer, Minister und Medien an der bevorstehenden Sonnenfinsternis erklärt sich daraus, dass sie die erste ist, die seit 1724 den Pariser Himmel vollständig verdunkelt - genauer gesagt: nahezu vollständig, nämlich zu 99,4 Prozent. Das ist mehr als in London (96,2 Prozent), Berlin (88,8 Prozent), Rom (83,9 Prozent) und Madrid (73,4 Prozent). Unter den europäischen Hauptstädten ist Bukarest die einzige, die eine totale Finsternis erleben wird - ebenso wie die Champagne und Lothringen, Regionen, die von den Touristen sonst eher gemieden werden. Die für den Fremdenverkehr zuständigen Stellen versuchen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. In Metz wird die Lothringische Philharmonie das Naturschauspiel mit einem Konzert am Moselufer begleiten - natürlich mit den "Planeten" von Gustav Holst. Reims hat ein neues Werk ("Eclipse") in Auftrag gegeben, das zum erstenmal auf dem Vorplatz der Kathedrale erklingen wird. Danach tritt Jessye Norman auf, deren junonischer, in einer Trikolore gehüllter Leib vor zehn Jahren die Pariser Revolutionsjubilare erfreute. Journalisten, die es ganz genau wissen wollen, sind eingeladen, die Sonnenfinsternis auf der Burg Malbrouck zu beobachten und ihre Eindrücke bei einem "gastronomischen Abendessen" in der Zitadelle von Bitche zu verarbeiten. Dazwischen haben sie Gelegenheit, die Wärter des Tierparks von Sainte-Croix über die Reaktion der weißen Wölfe auf das kosmische Ereignis zu befragen.

Warum ausgerechnet weiße Wölfe? Das Programm des Mosel-Departments verrät, dass selbst in der trockenen, durch und durch rationalistischen französischen Verwaltung uralte Mythen fortwirken. Denn in der nordischen Sagenwelt sind es zwei riesige Wölfe, Sköll und Hati, die Sonne und Mond nachstellen, manchmal gelingt es ihnen, sie einzuholen und zu verschlingen. Die alten Ägypter, die die Sonne als heilige Dreieinigkeit verehrten - Chepre war die Morgensonne, Ra oder Re, der Lieblingsgott der Kreuzworträtsler, die Mittags-, aton die Abendsonne -, sahen in der Schlange Apophis den Gegenspieler, der in dem himmlischen Ringen von Zeit zu Zeit die Oberhand behielt.

Im indischen Nationalepos "Mahabharata" verfolgt der Drache Rahu Sonne und Mond, weil sie ihn dabei überraschten, wie er den für die Götter reservierten Unsterblichkeitstrank schlürfte, und beim Obergott Vishnu anzeigten: Vishnu ließ den Frevler enthaupten und schleuderte den abgetrennten Kopf ins All, wo er es den Denunzianten nun heimzahlen will. In der vietamesischen Mythologie ist der Verfolger ein riesiger Frosch, bei den Indios von Paraguay ein Jaguar. Eine freundlichere Deutung für die Sonnen- und Mondfinsternisse haben die Eskimos: Sie sehen in ihnen einen Liebesakt der beiden Gestirne.

Kein Wunder, dass die Menschen alles taten, um die Wölfe, den Drachen oder den Frosch zu zwingen, den verschluckten Stern wieder auszuspeien. Das herkömmliche Verfahren war, den Dämon durch Lärmen mit Töpfen, Pfannen und Sensen zu vertreiben - ein uralter Abwehrzauber, der im 20. Jahrhundert von Pazifisten ("Krachschlagen für den Frieden") und Feministinnen aufgegriffen wurde. Martin Luther, der bekanntlich während eines Gewitters gelobte, Mönch zu werden, beobachtete die Sonnenfinsternis vom April 1539 mit ängstlicher Aufmerksamkeit und unter ständigen Gebeten. Vor der Sonnenfinsternis von 1654 ermahnte der Rat der Stadt Nürnberg die Bürger, sich im Essen und Trinken zu mäßigen, vor allem kein Obst und Gemüse anzurühren, keine überflüssigen Spaziergänge zu machen und das Vieh von der Weide in den Stall zu treiben. Da man annahm, die ungewohnte Konstellation vergifte die Atmosphäre, war es üblich, die Brunnen abzudecken. Noch vor der Sonnenfinsternis vom 28. Juli 1851 befürchteten die Münchner, die Seen des Voralpenlands könnten über ihre Ufer treten und Bayern überschwemmen. Nur die böhmischen Goldgräber sahen Sonnenfinisternissen mit freudiger Erwartung entgegen: Sie galten als günstige Zeiten für glückliche Funde.

Zu den phantasievollen Erklärungen des kosmischen Geschehens passte freilich schlecht seine Berechenbarkeit. Wenn wir Herodot glauben wollen, sagte schon der Philosoph Thales im 6. vorchristlichen Jahrhundert eine Sonnenfinsternis voraus. Die "Syntaxis mathematike" von Klaudios Ptolemaios (100-160 n. Chr.), das ältests systematische Handbuch der Astronomie, enthält ein ganzes Kapitel über die Ursachen und Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen. Die christliche Kirche zog daher von Anfang an gegen den heidnischen Aberglauben zu Felde. Dreizehn Tage vor der Sonnenfinsternis am 1. April 1764 wurden die Geistlichen im Amtsblatt des Ancien Régime, der "Gazette de France", angewiesen, ihre Schäfchen über die Bedeutung der éclipse aufzuklären: "Sie werden gebeten, dem Volk klarzumachen, dass Sonnenfinsternisse auf uns keinerlei Einfluss haben, weder einen moralischen noch einen physischen, dass sie Unfruchtbarkeit, ansteckende Krankheiten, Krieg oder unheilvolle Vorkommnisse weder anzeigen noch bewirken". In dieser schönen, der Aufklärung verpflichteten Tradition steht auch der französische Erziehungsminister Claude Allègre. Er trat vor Journalisten mit einer Schutzbrille auf, jedoch nicht, ohne sie zu ermahnen, "rationale Ideen zu verbreiten und keine Mythen". Ob ihm bewusst war, dass die Hälfte eines Berufsstandes bei Befolgung dieses Grundsatzes brotlos wäre?

Bei Anlegung nationaler Maßstäbe fällt auch der Mythos der berühmtesten Sonnenfinsternis der Weltgeschichte in sich zusammen, nämlich die, von der die vier Evangelisten berichten. Bei der Kreuzigung Jesu, heißt es bei Matthäus, "ward eine Finsternis über das ganze Land bis zu der neunten Stunde". Die einzige in Betracht kommende Sonnenfinsternis, belehren uns die Astronomen, fiel auf den 24. November 29 - weit weg vom Passahfest und viel zu früh für den Tod Jesu, den bibelfeste Historiker zwischen den Jahren 30 und 33 ansetzen. Was uns bleibt, ist immerhin die Sonnenfinsternis der Apokalypse, die nicht nur Madame Teissier umtreibt. Wenn das sechste Siegel erbrochen wird, verkündet die Offenbarung des Johannes, "siehe, da ward ein großes Erdbeben und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack und der Mond ward wie Blut". Ist es am 11. August so weit? Oder müssen wir uns noch bis zum 3. September 2081, der nächsten totalen Sonnenfinsternis in Europa, gedulden? Schon bald werden wir mehr wissen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben