Kultur : Wenn der Künstler zweimal klingelt

Ausstellungen, Preise und ein Schiff der Verrückten: Die Schering Stiftung hilft bei der großen Reise

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Schein und Sein. Heike Catherina Mertens von der Schering Stiftung in einem Kunstwerk des chinesischen Künstlers Li Hui. Foto: Mike Wolff
Schein und Sein. Heike Catherina Mertens von der Schering Stiftung in einem Kunstwerk des chinesischen Künstlers Li Hui. Foto:...

Den roten Teppich würde sie ihren Besuchern sofort ausrollen – wenn Heike Catherina Mertens nicht auf andere Mieter im Haus Rücksicht nehmen und die Türe geschlossen halten müsste. Deshalb hängt nur ein Plakat an der Wand, das zum Besuch des Projektraums lädt. Wer die Ausstellungen der Schering Stiftung sehen möchte, muss klingeln. Und sollte wissen, dass hier solche Unterbrechungen nicht als störend empfunden werden, sondern jeder willkommen ist, der diese Hemmschwelle am Gebäude Unter den Linden überwindet.

Es lohnt sich auch dieses Mal. Gerade ist die Installation „Cage“ von Li Hui zu sehen. Der chinesische Künstler lässt einen Käfig aus grünen Laserstrahlen erstehen, der für wenige Sekunden einen Raum im Raum simuliert. Bevor die feinen Strahlen wieder verschwinden und den Besucher im Dunkel zurücklassen. Dazu läuft ein Film über die Arbeiten des 24-Jährigen, aus denen eine hervorsticht. Li Hui hat die baugleichen Fronten zweier Jeeps zu einem Auto verbastelt und wie siamesische Zwillinge zusammengezwungen. Jede will in die andere Richtung, ohne Einigung produzieren sie Stillstand. Ein Interview rundet die winzige Werkschau ab und bietet, was zum Verständnis von Li Huis Absichten notwendig ist: Seine Materialien symbolisieren den Fortschritt, er selbst aber setzt sich mit den Widersprüchen einer Gesellschaft auseinander, in der das Individuum trotz aller Errungenschaften in einen Käfig – aus Konsumwünschen oder Verhaltensregeln? – eingeschlossen ist.

Ein gefundenes Thema für die Schering Stiftung. Schon 2002, als sie vom gleichnamigen Berliner Pharma-Unternehmen gegründet wurde, lag der Fokus auf „Kunst als Forschung“. Vier Jahre später ging Schering im Bayer-Konzern auf. Die Stiftung hat man abgekoppelt. Wie eine Raumkapsel, die seither autonom unterwegs ist. Nicht allein, das macht den Unterschied. Es gibt einen Stiftungsrat, in dem neben Wissenschaftlern renommierte Kunsthistoriker wie Horst Bredekamp oder Charlotte Klonk sitzen. Und Christina Weiss als Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie.

Gemeinsam entscheiden sie zweimal im Jahr über die Vergabe der Stiftungsmittel aus den Erträgen des üppigen Grundkapitals von 34 Millionen Euro. Der Kurs ist vorgegeben, stets muss eine „Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft“ erkennbar sein: bei den Projekten ebenso wie in den Ausstellungen des seit 2009 bestehenden Projektraums. Stipendien für junge Künstler aller Disziplinen sollen schließlich dabei helfen, deren eigene Position zu „stärken und weiter zu entwickeln“.

Der Blick über den Tellerrand hat bei Schering Tradition, genau wie die Förderung. Auf dem Firmengelände in Wedding gab es schon in den siebziger Jahren einen Kunstverein als Vermittler zwischen Etabliertem und Experimentellem. Heike Catherina Mertens zählt die ausgestellten Künstler auf: Stephan Balkenhol, Bernhard Heisig, Johannes Grützke, Robert Delaunay. Das Archiv ist ein Teil der Stiftung. Der Kunsthistorikerin ist bewusst, dass „wir auch ein Erbe mitpflegen“. An beiden Enden arbeitet sie gern. Für die Vergangenheit und das Künftige, denn auch wenn der Stiftungsrat über die Finanzen wacht: Über Mertens’ Tisch gehen die Anträge der Künstler zuerst. Rund 300 Mal im Jahr prüft sie, ob die eingereichten Projekte den Förderkriterien entsprechen, berät Antragsteller und spricht am Ende Empfehlungen aus.

Die Ergebnisse sind trotz des klaren Stiftungsprofils differenziert. Wer hat schon noch im Kopf, dass die Ausstellung des Berliner Künstlers Reiner Maria Matysik im Herbst 2010 von Schering gesponsert wurde? „Jenseits des menschen“ hieß die Schau in der Hörsaalruine des Medizinhistorischen Museums, in der es um Potenziale und Risiken einer biowissenschaftlich gestalteten Zukunft ging. Oder „Supracity“, die große Ausstellung von Corinne Wasmuht im Haus am Waldsee?

Auch das internationale Performanceprojekt „re.act.feminism“ in der Akademie der Künste 2009 wurde mit Stiftungsmitteln möglich. Dabei scheint eine „exemplarische Bestandsaufnahme genderkritischer Performancekunst der sechziger Jahre und ihre Wiederkehr in Form von Re-Inszenierungen durch junge Künstlerinnen“ den inhaltlichen Ansatz erst einmal nicht zu spiegeln. Wohl aber der Einsatz des Körpers als unmittelbarer Ausdrucksträger – eine Grenzüberschreitung auch dies.

Zur Schering Stiftung gehört außerdem die Diskretion. Selbst bei ihrem mit 10 000 Euro dotierten Kunstpreis, der alle zwei Jahre vergeben wird und eine Ausstellung in den Berliner Kunstwerken umfasst, gibt es kein Signet auf dem begleitenden Katalog. Umso stärker bleibt jene Arbeit im Gedächtnis, die Renata Lucas als Preisträgerin von 2009 installiert hat – den verschobenen Bürgersteig vor dem Haus, der auch jetzt noch verwirrt. Sie schätze es nicht, wenn das Logo zum übergroßen Ausweis finanzieller Zuwendung geriete, meint Heike Catherina Mertens dazu trocken.

Im März 2011 ist sie zur Stiftung gekommen: als Programmdirektorin für den Sektor Kunst. Dass sie schon ein halbes Jahr später in den Vorstand Kultur der Schering Stiftung berufen wurde, liegt zum Teil an ihrer Tatkraft. Aber auch daran, dass im Kunstressort noch Raum für Gestaltung war. Kämpfen hat die 42-Jährige gelernt. Als freie Kuratorin und für den Verein stadtkunstprojekte, den Mertens 2001 gründete, um eine Plattform für Projekte im öffentlichen Raum zu schaffen. So etwas fordert heraus. Bündeln musste sie ihre Kräfte 2004 für „con_con – constructed connections“, vier temporäre Installationen in Verbindung mit Berliner Brücken. Schon dort wurde sichtbar, was der Netzwerkerin bis heute wichtig ist: Räume schaffen, Orte definieren. Meist sind es flüchtige Phänomene, doch im Fall von „con_con – constructed“ blieb ein Kunstwerk zurück, das alle kennen: das Badeschiff.

Einen schwankenden Untersatz gab es auch mit „Ship o’ Fools“, das sich im Mai mit finanzieller Hilfe der Schering Stiftung auf den Weg gemacht hat. Auf der neun Meter langen, historischen Dschunke des Künstlerpaares Janet Cardiff und George Bures Miller tauchte man in ein erzählerisches Labyrinth, das einen vom Halleschen Ufer ins Universum der Fantasie verschiffte. Eine handfeste, ambitionierte Aufgabe. Sie passt zur Stiftung, auf deren Gründungsfeier es hieß, man wolle kein Briefkasten für Förderanträge sein. Andernfalls wäre Heike Catherina Mertens wohl auch nicht lange geblieben. Sie liebt den Dialog, die Auseinandersetzung mit den Künstlern. Wie früher, als sie um jedes Projekt und seine Finanzierung ringen musste. Damals zerrte der finanzielle Druck an den Nerven. Das ist heute anders und die Situation ungleich komfortabler. Aber auch mit der Erkenntnis verknüpft, dass man am anderen Ende des Tisches sitzt. Nicht mehr zwischen den Künstlern, sondern als Vertreterin einer Institution.

Projektraum Scheringstiftung, Unter den Linden 32–34: Die Ausstellung von Li Hui ist wieder ab dem 15. August bis 1. Oktober, Mo–Sa 11–18 Uhr, zu sehen.

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