Kultur : Wenn der Tanzlehrer kommt

Der ungarische Film zwischen Lebenslust und Frust: Festivalstreiflichter aus Budapest

Hans-Jörg Rother

Jedesmal wenn der Wagen des Tanzlehrers den Staub der Landstraße aufwirbelt, kommt Leben in das Dorf. Der Gärtner, die Verkäuferin, der Briefträger, die Hausfrau probieren dann die Figuren auf dem Parkett des Kulturhauses, alle scheinen wie erlöst vom Alltagstrott. Ihre Körper drücken aus, was sie anders nicht sagen können. Nicht dass ihr Tagwerk langweilig wäre. Dafür sorgen schon die Familie, die Tiere in Stall und Hof. Aber etwas fehlt: eine dritte Dimension.

Livia Gyarmathys dreiviertelstündige heitere Beobachtung „Táncrend“ (Tanzordnung) gehörte zu den gelungensten Arbeiten der 34. Ungarischen Filmwoche in Budapest. Die Regisseurin, 1932 geboren, hat sich früher mit harten Themen herumgeschlagen. 1988, noch unter den Augen der Zensur, erinnerte sie an die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers in Recsk und wagte sogar, Verantwortliche des ungarischen Gulag zur Rede zu stellen. 50 Jahre sind seitdem vergangen – und wenn ein Tanzlehrer hilft, kann man sich auch lustvoll frei strecken.

Im Donau-Theiß-Land ist Optimismus allezeit dünn verbreitet. Wie immer die Verhältnisse sind, es finden sich Gründe, die schwärzeste aller Lösungen zu wählen. „Magyar szépség“ (Ungarische Schönheit) nennt Péter Gothár seine Satire auf den Mittelstand, der im heftig ausgebrochenen Frühkapitalismus sein Fortkommen sucht. Die Ähnlichkeit zu „American Beauty“ ist gewollt. Hier wie da verraten die Erwachsenen ihren Anstand an den Erfolg, bricht ein junges Paar auf, sein Glück weitab von korrupten Elternhäusern zu finden. Eben noch tritt man einander vors Schienbein, verkürzen sich die Sätze zu slanggesättigten Kürzeln und gehen in böses Bellen über. Dann schockt der Selbstmord des gescheiterten Familienvaters.

Existenzfieber

Noch ein weiteres mitreißendes Filmwerk nahm eine amerikanische Anleihe auf. In „Boldog születésnapot!“ (Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!) des 29-jährigen Csaba Fazekas erwacht das Gaunerpärchen Bonnie & Clyde in Budapest – nur dass Arthur Penns antiautoritäre Geste hier zu einer privaten Dieberei verkümmert. Das Pärchen stirbt nicht im Kugelhagel der Polizei, sondern trennt sich auf einer düsteren Bahnstation, nachdem es in einer Villa den Luxus gekostet hat, die dem Musiklehrer (unbekümmert naiv: Gergely Kocsis) und der Schönheit vom Lande (verführerisch: Eszter Onodi) unerreichbar bleiben werden.

Die Filme eines Landes als dessen soziologisches Spiegelbild zu werten, kann zu Fehlurteilen führen – und doch liegt dies bei der realistischen Tradition in Ungarn nahe. Allzu oft werden in den 35 gezeigten Spielfilmen die Strapazen erkennbar, die die Umformung der Verhältnisse mit sich bringt. Das Existenzfieber infiziert das Privatleben. Unablässig reden die Personen auf der Leinwand, gehetzte Monologe, mit denen der Einzelne Liebe einfordert, ohne selbst Verständnis anzubieten. Benedek Fliegaufs „Rengeteg“ (Wildnis), den die ausländische Kritik mit dem Gene-Moskowitz-Preis ausgezeichneten (er war eben im Berlinale-Forum zu sehen), bildet dafür ein sinnfälliges Beispiel. Jeder redet, keiner hört zu, dichte Nahaufnahmen suggerieren eine explosive Stimmung.

Schicksalsmauern

Mit der lebt man in Ungarn schon lange. In dem Fast-Einpersonenfilm „Szerelemtöl sújtva“ (Von Liebe erschlagen) von Tamás Sas sieht man, wie ein in fataler Liebe vom Adoptivvater abhängiges Mädchen seinen Suizid als Mordakt des Geliebten drapiert. Das Leben geht weiter: Mit dieser schlichten Zuversicht scheint hier so leicht niemand aus einer Beziehung aussteigen zu wollen. Die im Vorjahr abgewählte konservative Regierung wollte derlei Privatkram nicht tatenlos zusehen und gab, über die Fördergremien hinweg, patriotische Filmwerke in Auftrag. Sowohl Csaba Káels Adaption der Nationaloper „Bánk Bá“ von Ferenc Erkel als auch die Verklärung des Reformers István Széchenyis zum tollkühnen Liebhaber schöner Frauen und seines Vaterlandes in Géza Bereményis „A Hidember“ (Der Brückenmann) verströmen nationale Gesinnung. Beiden Filmen sieht man die starken Finanzspritzen an, doch auf hoher Ebene bestätigen sie nur das Gefühl der Ausweglosigkeit, vergeblich gegen Schicksalsmauern anzurennen.

Doch für Miklós Jancsó, den großen Mann der ungarischen Film-Avantgarde, will der verratene Traum der Utopie nicht verlöschen. „Kelj fel, komáam, ne aludjál“ (Wach auf, Kamerad, schlaf nicht), ruft der durch Phantasmagorien und Sinnbilder führende Bänkelsänger den Überlebenden von Pfeilkreuzlerherrschaft, Krieg und Befreiung zu. Seine Stimme klingt müde wie nach einer verlorenen Schlacht. Der Weltkrieg geht für den 80-jährigen Jancsó erst in der Gegenwart zu Ende. Rotarmisten, Juden mit dem Stern auf der Brust, Faschisten und Nato-Soldaten finden sich zu einer Tandemfahrt über die Kettenbrücke. Jancsós Filme kennen nur revolutionäre Tragödien. Vielleicht umschwärmt ihn darum die filmische Jugend.

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