Kultur : Wenn der Zapfhahn kräht

Bodo Mrozek

Der Bayer tut sich, das ist dokumentiert, mit dem rauen preußischen Klima oft schwer. Umgekehrt hat es der Berliner im deutschen Süden auch nicht immer leicht. Wer etwa dieser Tage München besucht, kommt sich vor wie in einem Film der Sorte „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd“. Krachlederne Kerls und Push-Up gepresste Mieder schieben sich durch alle Gassen: Das Wiesn-Fieber grassiert.

Auf der Festwiese selbst, im Traditionszelt „Schottenhaml“, schleppt eine stämmige Oberbayerin eimergroße Bierkrüge herbei, gegen die das tresenübliche Berliner Flaschenbecks wirkt wie eine homöopathische Dosis. Erstaunlich: Die Kübel leeren sich wie von selbst. Auf der Bühne spielt eine Blaskapelle eine Art Marschmusik. Ab und zu erkennt man bekannte Melodien vom Typ „Gelber Wagen“ oder „Y.M.C.A.“. Spätestens bei Udo Jürgens singen alle mit. Es kommt zu peinlichen Verbrüderungen. Das Bier schäumt blond, die Mieder wogen. Haferlschuhe stampfen auf den Bänken. Ein Prosit jagt das andere. Und sind die stillosen Turnschuhe da auf dem Tisch nicht die eigenen? Klingt diese schiefe Singstimme, die alle übertönt, nicht verdächtig nach einem selbst? Aber warum ist sie so rau? Und warum dreht sich plötzlich alles im Kreis?

Der preußisch-bayerische Friede war kurz, aber intensiv. Müde schleicht man andern Tags (wie kam man nur ins Bett?) die Berliner U-Bahntreppe hoch. Es ist spät nachts. An „Mannis Curry Station“ stehen gänzlich unzünftige Trinker und leeren lärmend ihre Flaschen. Fahren Sie nicht nach München. In Berlin ist ganzjährig Oktoberfest.

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