Kultur : Wenn die Aufbaulieder erklingen

Der Defa-Nestor: alle Filme Slatan Dudows im Berliner Filmkunsthaus Babylon

Hans-Jörg Rother

Wer ändert die Welt? Diese Frage hat den bulgarischen Kommunisten Slatan Dudow von Jugend an bewegt, und früh schon fand er darauf eine Antwort: „Die, denen sie nicht gefällt.“ Der salomonische Satz stammt von Brecht und steht am Ende von Dudows erstem Spielfilm „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt“, der im April 1932, nach harten Kämpfen mit der Zensur, herauskam. Hanns Eisler schrieb die zündende Musik, Ernst Busch und ein Arbeiterchor sangen das „Solidaritätslied“: „Vorwärts und nicht vergessen/Worin eure Stärke besteht...“

Dudow, 1903 als Sohn eines Eisenbahners in Bulgarien geboren, 1963 bei einem Autounfall tödlich verunglückt, Nestor des Defa-Spielfilms, hat sein Bild von Freund und Feind nie korrigiert. Als er 1946 aus dem Schweizer Exil zurückkehrt, wird die kommunistische Lehre im Ostteil und in der SBZ zur Staatsideologie, während im Westen, so sieht er es, die Restauration lauert. Dudow baut seine Filme auf diesen Konflikt. Manchmal schickt die Partei ihm Freunde zu Hilfe wie bei dem Ost-West-Familiendrama „Familie Benthin“ (1950), an dem die Dichter Johannes R. Becher und Kuba und seine Kollegen Kurt Maetzig und Richard Groschopp mitarbeiten. Das Pathos aus Arbeitersport- und Arbeiterfilmtagen erfüllt ihn noch immer, nur dass er nun mit dem Rücken zur Wand des neuen Staates steht. „Unser täglich Brot“, sein erster Film bei der Defa, wird einen Monat nach Gründung der DDR im Kino „Babylon“ (das nun zu einer vollständigen Dudow-Retrospektive einlädt) uraufgeführt und zeigt dem Zuschauer, wo es lang gehen soll: die zerstörten Betriebe ohne deren alten Besitzer wieder aufbauen und dem Westen die kalte Schulter zeigen. Da will und kann nicht jeder mittun.

Dudow-Filme erkennt man auch daran, dass sich eine große Familie um den Küchentisch versammelt. So war es im proletarischen Milieu von „Kuhle Wampe“, so ist es in „Unser täglich Brot“, wo der alt und arbeitslos gewordene Kassenwart einer zerstörten Maschinenfabrik (Paul Bildt) hilflos zusehen muss, wie seine Kinder davonstreben. Zwei engagieren sich für den Wiederaufbau des herrenlosen – in Wahrheit wohl enteigneten – Werks, zwei enden böse auf der schiefen Westbahn. Mitgerissen vom Sog des Neuen kehrt schließlich der Vater in den Betrieb zurück, den bald darauf die ersten Traktoren unter Jubelrufen verlassen.

In einer kleinen Nebenrolle sieht man die Brecht-Schauspielerin Angelika Hurwicz, die als ungeliebte Nichte vom Familienvater barsch aus der Küche gewiesen wird, auf der Straße landet und dann ohne große Worte in der Fabrik, eine Figur wie aus einem neorealistischen Film. Dudow wusste, wie das Leben aussieht, aber stets wollte er große Wegzeichen aufrichten. Die Dramaturgie von „Familie Benthin“ will gar die schwere Last des Kalten Krieges bewältigen und übernimmt sich daran: Ein in Magdeburg und Braunschweig ansässiges Unrternehmen setzt alles daran, die ostdeutsche Wirtschaft zu schädigen, zum eigenen Nachteil, wie sich am Ende zeigt, während sich in der proletarischen Nachbarsfamilie (Mary Delschaft als sorgenbedrückte Mutter) wieder mal die Wege gabeln. Hier das bessere Deutschland, wo jede willige Hand gebraucht wird, dort Warteschlangen vor dem Arbeitsamt und Werber für die Fremdenlegion. Wer alle Kraft auf ein politisches Tableau verwendet, dem erstarren die Personen zu Schachfiguren. In der Schlussszene läuten die Glocken zur Gründung der DDR. Es war ein Vorzeige- und Wegweiserfilm, dessen Pathos freilich ganz ernst gemeint war.

„Frauenschicksale“ von 1952 und „Verwirrung der Liebe“ von 1959 – dazwischen entstanden noch der antifaschistische Film „Stärker als die Nacht“ und die bissige Satire auf den Westen „Der Hauptmann von Köln“ – geben sich viel heiterer. Mehr als der Dialogschreiber kam hier der Regiekünstler zum Zuge. In beiden Arbeiten stellte Dudow den verkündeten Anspruch auf Gleichberechtigung von Mann und Frau auf den Prüfstand. Ein Frauenverführer aus dem Westteil Berlins landet, wo er hingehört, während seine Opfer im Ostteil alle ihr Glück finden, und das ist gesetzmäßig, will der Film aus dem Jahr 1952 sagen. Die Echtheit der Figuren und grandiose Regieeinfälle helfen über den Konstruktcharakter einigermaßen hinweg.

„Verwirrung der Liebe“ (mit Angelika Domröse und anderen junge Talenten in ihren ersten Filmrollen) spielt bereits unter der neuen Generation, die Dudow von Altlasten frei sah. Die Häuserfassaden mögen marode sein, aber dahinter weht ein frischer Wind, behauptet der Film. Wieder einmal entwarf der Regisseur ein Modell, wie sich alle wohlfühlen können – vor allem kluge junge Frauen, die sich selbst und ihre Männer das schöne Gefühl der Freiheit auskosten lassen. Schon am Ende von „Kuhle Wampe“ war eine junge Frau um die passende Antwort nicht verlegen gewesen.

Filmkunsthaus Babylon, 24. bis 29. Juni .

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