Kultur : Wenn die Bilder rappen

Doug Aitken auf Welttournee: Die Natur- und Großstadt-Installationen des amerikanischen Video-Stars im Kunsthaus Bregenz

Katrin Wittneven

Hinter halbtransparenten Vorhängen laden schon im Foyer Ringe und Kreise aus heller Seekiefer den Besucher zum Verweilen ein. Über den minimalistischen Sitzgelegenheiten hängen Plexiglashauben mit Lautsprechern, aus denen gleichmäßiges Rauschen zu hören ist. Es sind Atemzüge von verschiedenen Menschen, regelmäßig und ruhig. Schließt man die Augen, hört es sich für einen Moment an wie die kraftvolle Brandung von Wellen. Die eigene Atmung passt sich unwillkürlich dem Rhythmus an, der Herzschlag scheint sich zu verlangsamen.

Gleich die erste Arbeit stimmt den Besucher auf das Themenspektrum des amerikanischen Künstlers Doug Aitken ein: Mensch, Natur, Raum, Zeit. Als führe er unsere Gedanken schon einmal auf die richtige Bahn und beruhige den Geist. Doch es geht dem Künstler nicht um Wellness auf hohem Niveau oder das kollektive Versinken im Hier und Jetzt. Nur einen Stock höher tobt das Leben: In der allein durch drei transluzente Leinwände erleuchteten Dunkelheit des Ausstellungsraums sind vor allem drei Menschen zu sehen. Ein Schwarzer, der in einer Sequenz im Licht der untergehenden Sonne einen Hafen beobachtet, in einer anderen zum Steptänzer wird, eine junge Frau, die durch Häuserflure eilt und dann eine Art Squash ohne Schläger spielt sowie ein Rap-Sänger, der in einer kargen Landschaft Vögel beobachtet.

Die Protagonisten erzählen keine nachvollziehbaren Geschichten. Die simultan gezeigten Bilder wechseln zu schnell: hier eine technisch-cleane Fabrik, dort ein Asiate, der im Sessel einen Rhythmus mit den Händen klopft, dann ein Schrottplatz. Trotz immenser Suggestivkraft der Bilder kann sich das Auge nirgends festhalten. Allein der Ton bietet so etwas wie eine Kontur. Aitken, der kommerzielle Musikvideos für Künstler wie Fat Boy Slim oder Iggy Pop realisiert hat, bevor er sich auf seine künstlerische Tätigkeit konzentrierte, ist ein Meister des Klangs. Das Trommeln der Finger des Asiaten und der Takt des hin- und hersausenden Balls fließen ineinander wie an- und abschwellende Musik und ergeben einen Rhythmus, nur um ihn gleich wieder zu verlassen.

Wie in seinen großen Installationen im Kunstmuseum Wolfsburg und den Berliner Kunst Werken im Jahr 2001 zeigt auch diese, erst kürzlich fertiggestellte Installation „Interieur“ die Menschen in Momenten großer Intensität: in sich versunken mit geschlossenen Augen oder hoch konzentriert beim Sport. Sie sind allein, selbst wenn jemand bei ihnen ist. Der dokumentarisch-fremde Blick des Künstlers überträgt sich auf den Betrachter.

So wird die aus der Vogelperspektive gezeigte Großstadt in der Nacht zum lebendigen Organismus, in dem die Straßen Nervenbahnen gleichen. Aitkens Bilder- und Klangcollagen stehen mit ihrem unterbrochenen Erzählfluss, den Überblendungen und schnellen Schnitten exemplarisch für heutiges Leben, für den Zustand permanenter Veränderung. Der Künstler sagte einmal, er könne niemals einen Roman schreiben, wohl aber Millionen von Kurzgeschichten erzählen.

Die Natur steht im Zentrum der anderen, in Bregenz gezeigten Installationen: Die Aufnahmen für „Thaw“ (Auftauen) entstanden, als der Künstler abschmelzende Gletscher in Alaska filmte. In der Ausstellung scheinen die Projektionsflächen im offenen Sechseck zu schweben, der Betrachter hat keinen zugewiesenen Platz mehr, sondern muss sich seine eigene Position suchen. Obwohl die von feinen Rissen im gefrorenen Wasser bis zum Bersten riesiger Eismassen reichenden Bilder und die dazugehörenden Geräusche keinen Zweifel an ihrer Herkunft lassen, reichen sie weit über einen dokumentarischen Aspekt hinaus. Aitken öffnet die Wahrnehmung des Betrachters: Natur ist nicht nur schön, sondern ebenso magisch, fremd und gewalttätig.

Um den Menschen im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation geht es auch in der zentralen Installation der Ausstellung „New Ocean Cycle“ im Obergeschoss des Kunstmuseums, das mit seiner reduzierten Architektur von Peter Zumthor den perfekten Rahmen für Aitkens Arbeiten bietet. In einer Holzverschalung sind sechs Leinwände wie ein einziges Panorama im Kreis um den Betrachter herum angeordnet. Vom simultan gezeigten überdimensionalen Tropfen bis zu kolossalen Wasserfällen fließen die Film- und Tonaufnahmen dieses Kreislaufs des Lebens langsam ineinander. Eine Projektion an der Decke zeigt zudem eine von unten aufgenommene, wie in Zeitlupe im Wasser herabsinkende Figur. Als blicke man mitten in ein digitales Kaleidoskop, löst sie sich langsam in abstrakte Einzelelemente auf. In einer Sequenz reicht der Horizont wie eine Linie einmal um den Betrachter herum, in einer anderen werden Himmel und Meer um 180 Grad gedreht. Raum und Zeit sind aus den Angeln gehoben – der Betrachter ist ergriffen, wie schwerelos, aber auch seltsam verloren in der Schönheit dieser Bilder.

Die Wanderausstellung wurde ihren Stationen in der Londoner Serpentine Gallery, der Tokyo Opera City Art Gallery und dem Kunsthaus Bregenz (bis 26. Januar) jeweils angepasst. – Letzte Station: Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin (20. 2. bis 18. 5.).

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