Kultur : Wenn die Erinnerung vertrieben wird

Hermann Schäfers Fehltritt in Weimar – und eine Ausstellung in Buchenwald, die zeigt, was er verschweigt

Christina Tilmann

So schlaflos hat sich Nike Wagner, die feinsinnige Leiterin des Weimarer Kunstfests, ihre Nächte wohl nicht vorgestellt, als sie dem Festival das Motto „Schlaflos – Frage und Antwort“ voranstellte. Am Freitag hat Hermann Schäfer, Historiker, Ministerialdirektor und Stellvertreter von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), das Kunstfest mit einem Grußwort bedacht. Seitdem dürfte in Weimar kaum jemand ruhig geschlafen haben.

Eröffnet wird das Kunstfest traditionell mit einem Konzert „Gedächtnis Buchenwald“: Die Staatskapelle Weimar spielte unter Leitung von Michael Gielen Gustav Mahlers Neunte Sinfonie. Doch die Veranstaltung geriet zum Eklat: Schäfer sprach in seinem Grußwort, nach einleitenden Sätzen, über das Leid der deutschen Vertriebenen, nicht über die in Buchenwald Inhaftierten. Mit Pfiffen und Zwischenrufen erzwang das Publikum den Abbruch der Rede.

Wenn Hermann Schäfer nun behauptet, sich mit seiner Eröffnungsrede thematisch genau an die Vorgaben der Leiterin der Festspiele, Nike Wagner, gehalten zu haben, ist dies nicht zutreffend. Wagner hatte Schäfer Anfang März schriftlich um ein Grußwort gebeten (der Brief liegt dem Tagesspiegel vor). Ausführlich hat sie darin das Konzert, das „dem Gedenken an die Opfer des ehemaligen Lagers Buchenwald gewidmet ist“, vorgestellt, und dann das gewünschte Thema der Rede umrissen: „Flucht und Vertreibung – Vertreibung und Vernichtung – markieren auch heute noch die Schicksale von Millionen Menschen. Wir müssen uns weiterhin diesem Thema stellen. Geschichte durchdringt die Gegenwart.“

Sehr wohl war in dem Brief also von Buchenwald und dem Gedenken an die KZ-Opfer die Rede, sehr wohl auch nicht nur von Flucht und Vertreibung, sondern auch von Vernichtung. Juden sind durch Deutsche vertrieben und ermordet worden, das kam in Hermann Schäfers Rede nicht vor. Er sprach, nach einem einleitenden Zitat von Elie Wiesel und der Beteuerung, dass „wir Deutschen über das Allgemeine hinaus eine noch größere Verantwortung (haben)“, allein über das Leid der deutschen Vertriebenen: „Es ist keine Erinnerungstäuschung und keine Umdeutung von Geschichte, wenn wir feststellen, dass die deutschen Vertriebenen Opfer waren“, heißt es an einer Stelle.

Das Thema mag Schäfer vielleicht deshalb besonders anschaulich vor Augen stehen, weil er – damals noch als Leiter des Bonner Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – mitverantwortlich war für die auch in Berlin sehr gut aufgenommene Ausstellung „Flucht. Vertreibung. Integration“. Doch Schäfers Aussage in Weimar: „Hier zeigt sich, welchen Reifegrad wir Deutschen erreicht haben, wenn es um das Problem historischer Erinnerung geht“, klingt in diesem Zusammenhang wie Hohn. Und dass Schäfer in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärte, „ich habe immer gesagt, Buchenwald ist nicht mein Spezialgebiet“, macht die Sache nur noch schlimmer.

Die Themenvorgabe mag das eine sein, das persönliche Lieblingsthema des Redners das andere. Bei einer Gedenkrede in Weimar nicht auf Buchenwald zu sprechen zu kommen, sondern sich auf die Opferrolle der deutschen Vertriebenen zu konzentrieren, zeugt von einer unglaublichen Instinktlosigkeit. Es ist eine Verirrung, wie sie sich auch der Wissenschaftler Schäfer, der sich an vorgegebene Themen hält, kaum hätte leisten dürfen. Einem Repräsentanten der Bundesregierung aus dem Kanzleramt und Politiker kann so etwas nicht unterlaufen.

Es sind, da sei nur an Philipp Jenninger und seine Rede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 erinnert, schon andere über einen ähnlichen Fauxpas gestolpert und zurückgetreten. Nike Wagner, die sich gegen Schäfers Anwurf, sie habe ihn doch zu dem Thema gedrängt, verteidigen muss, sprach davon, Schäfer habe das Thema „auf grausame Weise verfehlt“. Zumal im Einladungsschreiben an keiner Stelle explizit von der Vertreibung der Deutschen die Rede war. Und Volkhard Knigge, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, forderte von der Bundesregierung gar eine „Klarstellung ihres Geschichtsbildes“. Andernfalls müsse man Schäfers Rede als Paradigmenwechsel verstehen, nach dem die deutsche Regierung nun nicht den Holocaust und seine Opfer, sondern Flucht und Vertreibung in den Mittelpunkt stellt.

Dass die deutsche Erinnerungspolitik im Wandel ist, ist unschwer zu erkennen. Das betrifft vor allem das Thema Vertreibungen. Hatte schon im Koalitionsvertrag die Ankündigung, in Berlin ein „sichtbares Zeichen“ gegen Flucht und Vertreibung setzen zu wollen, vielfach für Unbehagen gesorgt, ist auch Schäfers Berufung als solches Zeichen zu verstehen. Schäfer ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“. Die Ausstellung „Flucht. Erinnerung. Vertreibung“, die bis Sonntag im Deutschen Historischen Museum zu sehen war, ist unter Schäfers Ägide in seinem Bonner Haus entstanden. Bundeskulturminister Neumann hatte schon bei der Berliner Eröffnung deutlich gemacht, dass er diese Ausstellung gern auf Dauer in Berlin sähe.

Nicht genug damit: Parallel hat vor zwei Wochen im benachbarten Kronprinzenpalais die Gegenausstellung des umstrittenen Zentrums gegen Vertreibungen eröffnet: Auch „Erzwungene Wege“ thematisiert die Vertreibung im europäischen Kontext, auch diese Ausstellung erwähnt, als einen Punkt unter vielen, die Vertreibung (und Vernichtung) der Juden durch die Nationalsozialisten und macht die Singularität des Holocaust doch nicht ausreichend deutlich. Heftige Proteste kommen vor allem aus Polen, wo jede Aktion des „Zentrums gegen Vertreibungen“ als Geschichtsrevisionismus ausgelegt wird. Unabhängig davon, wie neutral, korrekt und zurückhaltend beide Ausstellungen zu agieren versuchen – die leidenschaftlichen Proteste geben doch zu denken, ob man mit der Trägerschaft nicht den Bock zum Gärtner macht. Erst recht, wenn im Gästebuch der aktuellen Vertriebenen-Ausstellung ein älterer Besucher in Krakelschrift davon träumt, im „feldgrauen Ehrenkleid“ nach Polen zurückzukehren! Und wenn gleichzeitig die Nation über den Fall Grass diskutiert.

Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen, schon gar nicht in Weimar, wo sich, so Nike Wagner, „die deutsche Aufklärung und das Ende der Aufklärung an einem Ort begegnen“. Vielleicht hätte Hermann Schäfer sich einfach am Nachmittag vor seiner Rede eine Ausstellung ansehen sollen, die die Videokünstlerin Esther Shalev-Gerz in der Gedenkstätte Buchenwald eröffnet hat. Es geht um Fundstücke, rund 20 000 Objekte, die Archäologen in den letzten zehn Jahren auf einem vier mal sechs Meter großen ehemaligen Müllberg des KZs ausgegraben haben: Essschalen, Becher, Kämme, Spiegel, unbeholfen gebastelte Schmuckstücke, Tauchsieder aus Stacheldraht und Schuhe, aus einer Decke geschneidert. Alltägliche Dinge, die erst durch Ort und Geschichte ihre Bedeutung erhalten: Würde man die Knöpfe, die Kämme, die Becher auf dem Flohmarkt oder am Strand finden, man würde sie als wertlos liegenlassen, erklärt Esther Shalev-Gerz.

Den stummen Stücken ihre Geschichte zu entlocken, ist Ziel der Arbeit wie der ausgesprochen eindrucksvollen Ausstellung. Der Aufbau ist so simpel wie sensibel: 25 Fotografien gefundener Stücke, dazu fünf Installationen, wo Beteiligte über ihre Funde berichten: der Archäologe wie der Leiter der Gedenkstätte, die Restauratorin wie die Künstlerin und Kuratorin. Die Ratlosigkeit, das Tasten, das Suchen ist ihnen allen eigen – dass sie, je näher sie an die Objekte herangehen, umso weniger Antworten auf ihre Fragen bekommen, ist eine bittere Erkenntnis, die Esther Shalev-Gerz mit ihnen allen (und dem Zuschauer) teilt. Es sind Fragen wie: Warum brauchte man im KZ einen Kamm, wo die Häftlinge doch geschoren wurden? Wer hat seinen Namen so brutal in das Essgeschirr eingestanzt, einer, der es einem Mithäftling gestohlen hat? Warum wurde dieser Ring, diese Brosche aus einfachem Draht und Glasperlen gebastelt, ein Geschenk, ein Tauschobjekt oder einfach ein Zeugnis menschlicher Kultur und Würde?

Viele Fragen und keine Antwort: Keiner der damaligen Besitzer kann mehr erzählen, die wenigsten nur lassen sich durch Namen oder Hälftingsnummer identifizieren. Wie viel in der Erinnerung oft verschüttet ist, wie mühsam eine Ausgabung, hat man gerade wieder bei Günter Grass erlebt. Doch: „Die Zeugen sterben, die Dinge bleiben. Und die drängende Frage ist: Was wird aus der Erinnerung, wenn die Erinnerung stirbt?“ fragt Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte. Nach Hermann Schäfers Fehltritt ist diese Frage noch einmal drängender.

MenschenDinge, Gedenkstätte Buchenwald, ehemaliges Kammergebäude, bis 12. November. Katalog 14,90 Euro.

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