Kultur : Wenn die Farben explodieren

Zum Tod des Malers Bernard Schultze

Ulrich Clewing

Dass ein Künstler beim Malen intensiv von der Farbe Gebrauch macht, ist nichts Ungewöhnliches. Doch wer schon einmal vor einem Gemälde von Bernard Schultze stand, der weiß, dass dieses Merkmal seine Kunst besonderes gut charakterisiert. Blau, Grün, Rot, Orange – bei Schultze scheinen die Pigmente auf der Leinwand förmlich zu explodieren. Fast immer markieren seine Bilder eine Gratwanderung: auf der einen Seite das Kolorit, in dem die Farbtöne in einem feinen inneren Gleichgewicht aufeinander abgestimmt waren. Und auf der anderen Seite die Buntheit, das Chaos, das Überorchestrierte, das die Sehnerven auf die Probe stellt, vom so genannten guten Geschmack zu schweigen.

Schultze, der 1915 in Schneidemühl in Westpreußen geboren wurde und vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin und Düsseldorf studiert hatte, zählte zu jenen Malern und Bildhauern, die dafür sorgten, dass Deutschland nach der Katastrophe des „Dritten Reiches“ wieder Anschluss fand in der internationalen Kunstwelt. Schultze traf mit seiner Form der abstrakten Malerei, die er mit Elementen des amerikanischen Action-Painting zu verbinden verstand, um 1950 den Nerv der Zeit. Zusammen mit Karl Otto Götz, auch er ein Vertreter der gestischen Variante des europäischen Informel, das den Verzicht auf konkrete Motive und kompositorische Regeln propagierte. 1952 gründete er in Frankfurt am Main die Künstlergruppe Quadriga. 1968 siedelte Schultze nach Köln über, wo er seither lebte und arbeitete. Vier Jahre später nahm ihn die Berliner Akademie der Künste als ihr Mitglied auf.

Schon früh integrierte Schultze auch Gegenstände in seine Gemälde – Drähte, Plastikabfälle, auch Stoffreste, die reliefartig aus den Bildern hervorragen. In den Sechzigerjahren entwickelte er daraus eine eigene Art der raumgreifenden Malerei-Installation, die „Migofs“, die er etwa in der Hamburger Kunsthalle zeigte („Großes Migof-Labyrinth“, 1966 oder das „Migof-Environment“ von 1980). Seine Kreativität ließ auch im hohen Alter nicht nach, bis zuletzt konnte man auf Kunstmessen Neues von ihm sehen. Am Donnerstag ist Bernard Schultze in Köln an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

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