Kultur : Wenn die Gespensterbahn steht

CHRISTOPH FUNKE

Das Erinnern als Versuch der Lebensbehauptung - in seinem Monolog "Sie zu dritt unter einem Apfelbaum" legt Lothar Trolle Jahrtausend-Zeitschichten und Möglichkeiten erlebter, gedachter, poetisch geformter Wirklichkeiten übereinander.So trotzig die Behauptung ist, Ort des Geschehens sei "der Garten ihrer Mutter", so wenig sicher ist dieser Hinweis.Wer erinnert sich, und wo?

Eine junge Schauspielerin, so scheint es, will aus ihrem Beruf aussteigen, im Häuschen und im Garten der Mutter leben, als Tolstoianerin.Aber gibt es dieses anstrengende, rückenreißende Idyll noch? Ist die Erzählerin, die Berichtende, wirklich Schauspielerin, oder möchte sie es nur sein? Und: "Sie zu dritt"? Denn die Heldin bleibt allein, alle Menschen, denen sie begegnet, leben in ihrer Vorstellung, in ihren Träumen, Visionen, Ängsten.Unter dem Apfelbaum wird ein Stück Menschheitsgeschichte entworfen, gebunden an Figuren und bruchstückhafte Überlieferungen von der Antike über die Bibel und Shakespeare bis zu Tschechow und Pasternak.Das Motiv des Abschieds, vielfältig gefächert, zieht sich durch den Monolog.Pasternak, der tote Dichter, erhält die letzte Ehre.Ljubow Andrejewna, Tschechows Heldin, verabschiedet sich von ihrem Kirschgarten - und die Schauspielerin von der Rolle dieser Gutsbesitzerin, die sie nicht wird spielen können.Der Spaten, den die Erzählerin in der Hand hat, dringt in Erde und in das Menschengedächtnis.Leben ordnet sich Figuren zu, Realität wird als schöpferische Leistung der Dichter wahrgenommen.Lothar Trolle: "Theater sollte genau registrieren, wo nach der Feststellung der Katastrophe die Chancen des Lebens liegen."

Der komplexe, vielschichtige, anspielungsreiche Text, gesprochen im verlorenen Paradies unter dem Baum der manigfachen und der nicht sicheren Erkenntnisse, verlangt viel von der Darstellerin, die ihn sinnlich machen will.Denn im Grüblerischen steckt Ironie, in der Verkettung der gedanklichen Welten ein listiger Humor, jede Zeile lebt von der Lust an der Sprache, vom kindlichen Vergnügen am Spiel mit Rhythmus, Vers und Prosa.Das Formbewußte muß gepackt werden, und das Lässige, die Verwandlung sind einzufangen und ebenso das Beständige.

Petra Förster vermochte diese schwere, sehr schwere Aufgabe am Schauspiel Chemnitz nicht überzeugend zu lösen.In der Inszenierung von Elvira Grecki trug sie den Monolog wie eine Last, vermochte nicht, sich freizumachen, Phantasie zu entzünden, mit den Zuschauern Ball zu spielen.Zögernd nur fand sie sich in die Geschichte, vor dem dunklen Kirschgarten-Vorhang, der dann sieben weiße Tuchsäulen, den Stuhl, das Fenster (in den Garten) auf der kleinen Probebühne des Chemnitzer Schauspielhauses freigibt (Ausstattung: Heike Mondschein).Der Tausch des Tschechow-Kostüms mit der häßlichen, absichtlich verrutschten dunkelgrauen Gartenkluft und den schweren Stiefeln fixiert die Figur sehr einseitig auf Arbeitsvorgänge, auf Hantierungen mit Äpfeln, mit der "Pumpe".Das ist sorgfältig gearbeitet, klug überlegt, aber es kommt nicht zur "Spaltung" der Figur, ihr Weg durch die Zeiten, durch Wahrheit und Dichtung wird als ein ganzes Bündel spielerischer Möglichkeiten nicht angenommen.Es bleibt beim anstrengenden Nachdenken, bei einer Lebensbilanz, die die "Gespensterbahn" - von der Lothar Trolle zum Schluß seines Monologs schreibt - nicht lossausen läßt.

Wer in der Gespensterbahn sitzt, will den Schrecken erleben und den Spaß am Schrecken, will die Katastrophe streifen und ihr überlegen sein.Und wer sitzt nicht drinnen? Diese Überlegenheit aber bleibt an Trolles Text nach dieser bemühten, allzu gewichtigen Uraufführung noch zu entdecken.Freundlicher Beifall.

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