Kultur : Wenn die Gläser zerspringen

Alles Zirkus: Oper über Albert Einstein in Berlin

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E=mc² – was sagt uns das? Nirgends wird die große Frage des EinsteinJahrs so kunterbunt und klangvoll präsentiert wie auf dem Bebelplatz neben der Berliner Staatsoper. Dort ist zu Ehren des Forschers ein pilzartiges Gewächs aus dem Boden geschossen, von fern einem Mini-Atommeiler ähnelnd. Ist aber nur ein Zelt, in dem die Performance-Gruppe Phase7 ihr Werk „C–the speed of light“ aufführt. Die Macher haben es liebevoll Cross-Media-Oper getauft – ein Begriff, der allerdings eher nicht in den Kanon musikalischer Gattungsbezeichnungen aufgenommen werden dürfte.

Erster Eindruck am Eingang: Stimmfragmente, O-Ton Einstein. Zweiter Eindruck zu Showstart: sinnverwirrende Laserspiele. Die Zeltkuppel verwandelt sich in ein unablässig bewegtes Firmament; mittels Computer- und Projektionstechnik werden stellare Cluster, kollidierende Spiralgalaxien und schwarze Löcher samt bedrohlichen Gravitationswellen generiert. Üblicher Science-FictionKram? Nein, alles naturwissenschaftlich fundiert: Phase7 hat sein Bildmaterial etwa beim Max-Planck-Institut für Gravitationstechnik besorgt. Und faszinierende Bilder des Hubble-Space-Teleskops hat die NASA beigesteuert.

Indes machen viele bunte Bilder noch keine Oper, schon gar keine kreuz-mediale. So schickt Phase7 drei Sänger an die verschiedensten Orte des kugelförmigen Raums. Sie stellen den Menschen, die Zeit und das Wissen dar. Die Dialoge muss man mangels Sprachverständlichkeit leider nachlesen: „Abhängig vom Betrachter sind Raum und Zeit“, spricht das Wissen. „Beweis mir“, antwortet der Mensch. Auch lockt die Oper nicht etwa mit einem Drama tief in ihr Schicksal verstrickter Personen, nicht einmal mit einer verzwickten Dreiecksgeschichte; vielmehr wird unserer Kardinalnot Raum gegeben, dass wir seit Einstein viel mehr darüber wissen, dass wir nichts wissen. Und dass wissenschaftliche Erkenntnis sich sinnlicher Vorstellungskraft zunehmend entzieht. So staunt der Mensch – dargestellt von Eir Inderhaug – nicht schlecht bei der Vorstellung, mittels Raum-Zeit-Relativität beim Reisen jünger zu werden.

Die Ästhetik des Projekts ist an knalligen multimedialen Produktpräsentationen orientiert, also eher an Überrumpelung als am Raum zur Reflexion: Nicht zufällig arbeitet Phase7 auch im einträglichen Bereich der Firmenpräsentation. Die Musik besteht aus im Surroundsound abgestrahlten Orchesterklängen, abgemischt mit synthetischem Klangmaterial. Die Komponisten des Projekts, Sasse Baumhof und Christian Steinhäuser, entgehen zwar dröhnenden „Star Wars“-Klischees mit einigem Geschick, schaffen aber nur wenige einprägsame Momente. Faszinierend agiert die Stimmakrobatin Olga Szwajgier, die mit fast widernatürlich hohen, aber traumwandlerisch sicheren Tönen den Widerspruch zwischen Natur und Künstlichkeit akustisch ausreizt. Oha, da möchte man kein Sektglas an den Mund führen, wenn sie zu ihren Spitzentönen ansetzt! Überhaupt: Wer beim Zugucken und Zuhören nicht dem hohen Projektthema Einstein hinterhergrübelt, wird an der schicken Multimedia-Show seine Freude haben.

Noch bis 19. Juni, jeweils 21 Uhr, Bebelplatz Unter den Linden, Eintritt frei

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