Kultur : Wenn die Kirschen wieder blühen Zwei japanische Filme LESERJURY

über die Tsunami-Folgen im FORUM.

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Herr Naoshi will in einem Holzhaus wohnen – auch nach dem Tsunami.Foto: H. Masuike
Herr Naoshi will in einem Holzhaus wohnen – auch nach dem Tsunami.Foto: H. Masuike

Im zweiten Jahr nach der japanischen Tsunami-Katastrophe konzentrieren sich zwei Filme des Forum-Programms auf das Lebensgefühl der Entkommenen. Bilder absoluter Zerstörung, wie sie in den Nachrichtenmedien unendlich wiederholt wurden, bleiben in beiden präsent wie unauslöschliche Hintergrundmelodien, doch in der Hauptsache kreisen die Dokumentationen „Senzo ni naru“ (Roots) und der Spielfilm „Sakura namiki no mankai no shita ni“ (Cold Bloom) um Menschen, die eigensinnige Wege suchen, mit Trauer und Verlust zurechtzukommen. Die Frage ist, wie man weiterleben kann, wenn sich die Toten, die man im seelischen Gepäck trägt, in die komplizierten, von Sachzwängen diktierten Wiederaufbauprozesse einmischen?

„Senzo ni naru“ ist eine filmische Langzeitbeobachtung in einer der Desasterzonen am Pazifik. Der Filmemacher Kaoru Ikeya begegnete Dorfbewohnern, die schon kurz nach der Flutwelle oberhalb ihres zerstörten Ortes einen Tempel bauten, um nach alter Sitte das Kirschblütenfest zu feiern. Naoshi, ein alter Holzfäller und Zimmermann, half den aus Notunterkünften angereisten Dörflern, inmitten der Trümmerlandschaft ihr Ritual der Geisteraustreibung aufzuführen. Ein Jahr lang besuchte Ikeya daraufhin den zähen Dickkopf, der darauf drang, sein altjapanisches Holzhaus am Dorfrand zu erhalten. Stolz führt er das kleine Team durch sein von der Flutwelle unterspültes Reich. Das selbstgebaute Haus hielt stand, doch sein einziger Sohn kam bei Rettungsversuchen im Ort zu Tode.

Diskret und teilnahmsvoll begleitet der Film den stoischen alten Mann, der alles daransetzt, am verwurzelten Ort weiterleben zu können. Frau und Schwiegertochter flüchten aus dem feuchten Chaos in ein neues Dorf, die Besucher verlassen die Bucht nach dem Kirschblütenfest, die Bagger fressen sich durch die Schrotthinterlassenschaft. Naoshi pflanzt demonstrativ wieder Reis und gibt sein altes Handwerk im Wald an Jüngere weiter. Die Behörden legen ihm indes Steine in den Weg, bis er freundlich starrsinnig am Ende geschafft hat, was er wollte: In seinem hellen neu erbauten Haus zündet er die Kerzen für den Sohn an – allein.

Auch „Sakura namiki no mankai no shita ni“ zitiert die Metapher der Kirschblüte. Angesiedelt in der Industriestadt Hitachi, deren untere Stadtteile vom Tsunami zermalmt wurden, setzen die Kontraste zwischen Trümmerhaufen und gleißend rosafarbenen Blütenmeeren nur visuelle Akzente in einem Beziehungsdrama, das der Regisseur bereits vor der Flutkatastrophe als Film geplant hatte.

Funahashi erzählt von Hass und Rachegefühlen, die sich allmählich wundersam in Zuneigung verwandeln – die Katastrophe ist dabei ein Katalysator für die vorsichtige Annäherung eines schuldverstrickten Paares. Den zeithistorischen sozialen Horizont der Geschichte bildet die Wirtschaftskrise Japans, die vor allem kleine Betriebe mitriss. Die junge Shiori (Asami Usuda), Arbeiterin in einer kleinen Metallfabrik in Hitachi, verliert ihren geliebten Mann, den fleißigsten Vorarbeiter des Betriebs, bei einem Arbeitsunfall. Sein Kollege Takumi (Takahiro Miura) nimmt die Schuld auf sich, will jedoch mit der Belegschaft gemeinsam weiterarbeiten, um die Firma vor der Schließung zu retten. So begegnen sich Shiori und Takumi täglich, kann die eine die Entschuldigungsgesten des anderen nicht annehmen, steigert sich der Druck der Kollegen zu hasserfüllten Gewaltausbrüchen, die die einsam trauernde Witwe dazu bewegen, sich des angeblichen Täters anzunehmen.

Beim Joggen durch die Trümmerlandschaft kommt die junge Frau zu den besten Entschlüssen. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen die immer befreiter wirkenden Motorradfahrten Shioris: die Autobahnbrücke, die eine Bucht in Hitachi überquert, hat dem Tsunami standgehalten. Und die Kirschbäume „geben wieder alles“ bei ihrer strahlenden Blüte nach Shioris Trauerjahr. Claudia Lenssen

„Senzo...“: 16.2., 14.45 Uhr (Arsenal 1), 17.2., 16 Uhr (CineStar 8); „Sakura...“ 16.2., 20 Uhr (Colosseum 1)

Viktoria Strom, 36, Psychologin. Wohnt in Zehlendorf und ist Nachtschwärmerin.

Das letzte Mal im Kino gelacht oder

geweint habe ich ...

... bei „Vaters Garten“, den fand

ich sehr bewegend. Das ist ein

Film über die westeuropäische Großelterngeneration, die ganz andere Werte lebt als wir. Aber vielleicht sind diese Werte ja auch ganz toll. Gelacht habe ich bei „Computer Chess“. Der handelt von Computernerds und ist wunderbar witzig.

Wenn mein Leben ein Filmset wäre ... ... würde ich die Regie machen.

Ich würde zum Beispiel einen Film darüber machen, dass es nie zu spät ist. Oder über die Abwanderung von Arbeitern aus Osteuropa, die ihre Kinder dort bei den Großeltern zurücklassen.

Der perfekte Film fürs erste Date ...

... man sollte beim ersten Date nicht ins Kino gehen. Ich finde, da sollte man sich unterhalten und in die Augen schauen. Erst mal ankommen.

Wenn ich eine Person der

Filmgeschichte treffen könnte ...

... wäre das jemand aus den zwanziger Jahren, das muss eine Blütezeit des Films gewesen sein.

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