Kultur : Wenn die Liebe beginnt, beginnen die Bilder

TOM HEITHOFF

Draußen ragen schlanke Birken in den Frühlingshimmel.Drinnen toben Familien- und Liebeskämpfe auf der Leinwand.Das Potsdamer Studentenfilmfest "SehSüchte" lockt 7000 Zuschauer, mehr denn jeVON TOM HEITHOFFSchönes Wetter ist gefährlich - fürs Kino.Den 27.internationalen Studentenfilmtagen in Potsdam konnte es jedoch nicht schaden.Über 7000 Besucher fanden den Weg auf das Babelsberger Studiogelände, wo Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFF) die am Sonntag zu Ende gegangenen "SehSüchte" organisiert hatten: 130 Filme aus fünfundzwanzig Ländern wurden gezeigt, überwiegend kurze Trick-, Experimental-, Spiel- oder Dokumentarfilme, die in verschiedene thematische Blöcke unterteilt wurden."Echte Kerle" hieß solch ein Block, "Brennende Leidenschaft" ein anderer, ein dritter: "Mit der Liebe ...das ist halt so".Ja, wie denn? Natürlich ist man neugierig, was die junge Filmergeneration über das alte Thema zu sagen hat.Volker Sattel (Filmakademie Ludwigsburg) läßt in "Sattel der Liebe" acht Männer und Frauen von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Liebe erzählen.Ein stimmreicher Zusammenschnitt allzu bekannter Antworten von "Wir sind ein glückliches Paar" bis "Es ist alles so verkorkst".Viel geredet wird auch in "Die Liebe der Mannequins" von Sebastian Peterson (HFF).Die tricktechnisch bewegten Lippen von Fotomodellen aus Kaufhauskatalogen sind mit Stimmen von interviewten Personen unterlegt.Ihre Ansichten zum Problem Liebe sind teils genauso normiert wie die Werbegesichter, teils stehen sie im witzigen Kontrast dazu.Statt auf Worte verläßt sich Volker Gerling (HFF) in "Fliegende Fische" lieber auf den Seh-Sinn.Wenn die Liebe beginnt, beginnt die Sprache der Bilder: die Wolken, der Wind, das Motorrad, schließlich der freie endlose Fall von einem Silo - Liebe als Bewegung in schwarz-weiß.Der französische Film "Sans doute sans lui" von Shiri Tsur (Paris) ist in einem ganz anderen Genre zu Hause: Eine psychologisch fein erzählte Geschichte einer Frau, die sich einen Seitensprung vorgenommen hat, um herauszufinden, ob sie ihren Freund wirklich liebt.Ihr "Versuchspartner" jedoch spielt nicht mit."Es ist unmöglich, denn ich liebe meine Freundin", sagt er, was sie zutiefst verstört.Ist das womöglich der Beweis für den Verlust ihrer Liebe?Aus der Dunkelheit ins Licht.Schlanke Birken ragen in den Himmel.Zwischen ihnen eine einladende Wiese.Überall kleine Grüppchen, Einzelgänger, Paare, die gleich ins Kino gehen oder gerade aus dem Kino kommen und sich über das Gesehene unterhalten.Aus der gegenüberliegenden "Happy end-Bar" holt man sich ein Bier oder Spaghetti oder beides.Am Rande lange Holzbänke, auf den Tischen Kaffee, Bier und Ellenbogen.Der Kinogänger fühlt sich wie auf einer Gartenparty.Wieder rein ins Dunkle.Die Dokumentarfilme führen in die Ferne: In ein argentinisches Dorf ("Es wird Regen geben?! - Begegnungen in Patagonien" von Sönke Hansen von der HFF) oder nach Nigeria, wo noch ein uraltes Beschneidungsritual gilt ("Chan - Transition to Manhood" vom Team des National Film Institute in Jos, Nigeria).Oder sie lüften die Geheimnisse unserer Nachbarn: Wer hätte geahnt, wieviel Freude es einer Krankenschwester machen kann, an einem Rattenschwanz zu lutschen ("Rat Women" von Minkie Spiro, London) oder wie hübsch ein Mannskörper wirkt, der zu 60 Prozent mit Tattoos bedeckt ist ("Lebensart" von Andreas von der Wall, TU Berlin).Allesamt sehenswert, doch dann kam "Na dann wolln wir mal" von Marco Casiglieri (HFF), eine halbstündige Dokumentation über eine Gruppe psychisch Kranker auf der Theaterprobe zu "Woyzeck": bewegend und zugleich unwerfend heiter.Der Regisseur läßt schnell das Verstörende des "Verrücktseins" verschwinden.Auch einige andere Filme fielen durch überdurchschnittliche "Reife" auf: "Fictionalised enshrined" von Justin Grize (London International Film School) ist das elegant inszenierte Liebesbekenntnis eines Jugendlichen, das sich an den unerreichbaren Geliebten richtet und sich im Monologischen verliert (für diesen Film bekam Grize den 2.Spielfilmpreis).In "Jeden Tag ist Weihnachten" erzählt Miko Zeuschner (Hamburger Filmwerkstatt) eine traurig-komische Geschichte über die Liebe, das Sterben und die Lust am Leben.Ursula entführt ihren Mann aus dem Krankenhaus, um mit ihm in Lissabon noch einmal Tango zu tanzen.Er dagegen will sie auf seinen Tod vorbereiten.Die Liebesgeschichte über zwei Alte souverän von einem Jungen erzählt, ging leer aus.Dagegen erhielt der formal wie inhaltlich wesentlich einfallslosere "Pony Pony" von Birte Meesmann über ein Mädchen im Fitneßstudio (Hochschule für Gestaltung Offenbach) den ersten Spielfilmpreis.Die Studentenfilmtage, dieses Jahr erstmals unter dem Dach des "Potsdamer Filmsommers" und zugleich dessen Initialzündung, verstehen sich auch als Dialogforum zwischen den Filmemachern.So wurde ein Großteil des Budgets dafür verwendet, etwa 30 ausländischen Filmstudenten die Reise nach Babelsberg zu ermöglichen.Natürlich sah sich das Festival auch als Schnittstelle zwischen Publikum und Filmemachern - doch Filme sehen ist eine Sache, über Filme reden eine andere.Obwohl erstmals ein tägliches Gesprächsforum eingerichtet worden war, blieben die meisten Zuschauer stumm unter den schlanken Birken sitzen, während sich die Moderatoren redlich bemühten, ein Gespräch in Gang zu bringen.Dennoch - die angebotene Mischung aus Vorführung, beruflicher Information und Begegnungsmöglichkeiten überzeugt.Der erste Akt des "Potsdamer Filmsommers" ist zu Ende.Applaus.

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