Kultur : Wenn die Nase trieft und die Augen jucken

Blütenpollen, Tierhaare oder Stress – Menschen reagieren auf vieles allergisch. Wer aber die Auslöser kennt, kann sich manchmal schon mit wenig Aufwand große Linderung verschaffen

Alva Gehrmann

Katzen und Meerschweinchen sind eigentlich ganz süße Tiere, doch leider verlieren sie sehr viele Haare. Allergiker können schnell zu Tierhassern werden, verursacht ihnen der Kontakt mit den Hausfreunden doch gerötete Augen, ein Jucken in der Nase oder das dringende Bedürfnis sich zu kratzen – am Arm, im Gesicht, schlimmstenfalls am ganzen Körper.

Dem Kontakt mit Tierhaaren können Allergiker noch weit gehend aus dem Weg gehen, bei Gräser- und Baumpollen ist das schon schwieriger. Die sind überall. Bereits Ende Januar flogen die ersten Pollen der Frühblüher (Erle und Haselnuss) durch die Stadt – bisher nicht sichtbar, trotzdem verursachten sie bei Heuschnupfen-Patienten das obligatorische Kribbeln in der Nase.

Jeder fünfte Erwachsene ist vom Heuschnupfen betroffen, sei es durch saisonale Erreger wie Gräser- und Baumpollen oder ganzjährige wie Tierallergene und Hausstaubmilben. Insgesamt sei bereits jeder Dritte allergiekrank, sagt Johannes Ring, Vorsitzender der Deutschen Akademie für Allergologie und Umweltmedizin. Tendenz steigend. Allergien sind zu einer Volkskrankheit geworden. „Wir müssen etwas tun, damit wir nicht alle Allergiker werden“, sagte Johannes Ring bei der Präsentation des „Weißbuch Allergie in Deutschland“. Das Buch will alle Interessierten über den Wissensstand und die Behandlungsmethoden informieren.

„Allergien werden in der Öffentlichkeit immer noch bagatellisiert“, sagt Professor Torsten Zuberbier, Leiter der Allergologie vom Allergie-Centrum-Charité. Er ist einer der Weißbuch-Autoren. Besonders die so genannten Inhalations-Allergene – wie Pollen, Hausstaubmilben und Tierallergene – würden unterschätzt. „Wenn Heuschnupfen unbehandelt bleibt, besteht bei 30 bis 40 Prozent der Allergiker die Gefahr, dass daraus Asthma wird“, sagt Zuberbier. Denn: Ist das Immunsystem einmal gereizt, reagiert es schneller auf ein nächstes Allergen.

Um das Asthmarisiko zu vermindern, gilt es, sich rechtzeitig behandeln zu lassen. Aufgrund der Klimaveränderung blühen Bäume und Gräser heute früher – und auch länger. Bis zu acht Monaten streckt sich mittlerweile die gesamte Pollenzeit hin. Besonders hart trifft es Allergiker, die in der Stadt leben, schließlich sind dort die Durchschnittstemperaturen höher, ebenso die Kohlendioxid-Konzentration.

Die Beschwerden lindern Antihistaminika in Form von Tabletten oder Nasensprays. Die Ursache können sie jedoch nicht behandeln. Allergologe Zuberbier empfiehlt daher bei stärker betroffenen Heuschnupfen-Patienten eine Immuntherapie. Bei der so genannten Hyposensibilisierung wird die allergieauslösende Substanz über einen längeren Zeitraum gespritzt. „Damit kann man Pollenallergien bei circa 90 Prozent der Patienten bessern“, sagt Torsten Zuberbier. „Die Wirkung hält nach Ende der dreijährigen Therapie langfristig an.“

Dann kribbelt’s auf der Zunge

Wollen Heuschnupfen-Patienten weitere Beschwerden vermeiden, sollten sie ebenfalls auf eventuelle Kreuzallergien achten: Wer zum Beispiel auf Birkenpollen reagiert, verträgt meist keine Äpfel und Birnen. Manche müssen sogar niesen, wenn sie das Kernobst essen; beim Verzehr von Steinobst (Pfirsiche, Kirschen) juckt es auf der Zunge. Besonders stark reagieren viele Birkenpollen-Patienten auf Nüsse: etwa Haselnüsse und Mandeln. Betroffene sollten diese Nahrungsmittel vermeiden.

„Auch wenn Allergien im Allgemeinen unterschätzt werden, die Bedeutung von Nahrungsmitteln wird überschätzt“, hat Zuberbier festgestellt. Das bestätigt auch eine Studie, die gerade in Berlin erstellt wurde. Danach vermuteten mehr als 30 Prozent der untersuchten Patienten an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden, im Provokationstest wirklich diagnostiziert wurde sie jedoch nur bei 3,6 Prozent. „Es gibt Patienten, insbesondere Kinder, bei denen eine Allergie gegen Milch oder Hühnereiweiß wieder weggeht, wenn sie eine Zeit lang den Kontakt und Konsum dieser Nahrungsmittel vermeiden“, sagt Torsten Zuberbier von der Charité.

Zu unterscheiden ist ohnehin die „echte“ Nahrungsmittelallergie von der Nahrungsmittelunverträglichkeit. Echte Allergien verursachen Kuhmilch, Hühnereier, Nüsse, Roggen- und Weizenkorn, Gewürze wie Anis, Fenchel und Kümmel oder auch einige Obst- und Gemüsesorten. Nicht jedoch Zitrusfrüchte (Orangen, Zitronen), Geschmacksverstärker (Glutamat) oder Konservierungsstoffe, hierbei handelt es sich um Unverträglichkeiten. Gleiches gilt für Medikamente (wie Aspirin-Unverträglichkeit) oder Hautreizungen durch das Tragen von Modeschmuck.

Ob es sich nun um Unverträglichkeiten oder „echte“ Allergien handelt, die Symptome können ähnlich sein: in Form von Ekzemen (Neurodermitis) oder Übelkeit. Deshalb gilt es, sich genau untersuchen zu lassen, damit die Ursachen erkannt werden. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie werden nur zehn Prozent der Betroffenen ausreichend behandelt, also von einem Facharzt. Meist wandert der Allergiker von Arzt zu Arzt, sind doch in der Regel mehrere Organe betroffen: die Augen, der Nasen-Rachenraum, die Lungen, die Haut und der Magen-Darm-Trakt.

Wie genau eine „Allergiker-Karriere“ verläuft, ist nur schwer zu bestimmen. Einflussfaktoren sind vor allem genetische Veranlagungen, ebenso die Umwelt und das Berufsumfeld. Und es gibt eine weitere Komponente: Stress. „Die Psyche spielt eine wichtige Rolle, sie kann Allergien nicht nur verstärken, sondern in einzelnen Fällen auch auslösend dazu beitragen“, sagt Professor Uwe Gieler von der Gießener Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. So gab es in Japan nach einem Erdbeben Menschen, bei denen in dieser Stresssituation erstmals Ekzeme auftraten. Zusammenhänge zwischen der Psyche und Allergien gibt es ebenfalls bei Asthmapatienten. So zeigen andere Untersuchungen, dass bei der Hälfte der Asthma-Patienten emotionale Faktoren eine Rolle spielen können. „Wer ängstlich ist, neigt eher zu stressbedingter Allergie“, sagt Gieler.

Spezifische Persönlichkeits-Auffälligkeiten, eine „Allergiepersönlichkeit“, gebe es aber nicht. „Ganz falsch ist es auch, den Müttern Schuld für die Allergien ihrer Kinder zu geben.“ Um Stress zu verringern, sollten die Betroffenen Entspannungübungen machen, etwa Autogenes Training. „Ebenso ist es immer gut, über Ängste zu sprechen – sei es im Familienkreis oder mit einem Psychotherapeuten“, sagt Uwe Gieler von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Hilfreich ist ein Tagebuch, in dem festgehalten wird, in welcher Situation die allergischen Reaktionen auftauchen. „Denn das Kratzen oder ein Asthmaanfall kann auch eine Möglichkeit sein, vom eigentlichen Problem abzulenken.“ Konflikte auf psychischer Ebene würden so in eine körperliche Reaktion umgesetzt.

„Genetisch bedingt“

„Die Psyche wird von Ärzten immer noch unterschätzt“, sagt Uwe Gieler, „von den Patienten allerdings in manchen Fällen auch überschätzt“. Allergologe Torsten Zuberbier befürwortet ebenfalls, die Psyche zu berücksichtigen. Dennoch warnt er davor, Allergien nur als psychische Krankheit zu betrachten. „Neurodermitis ist immer noch eine genetisch bedingte Hautkrankheit.“

Besonders Kinder sind vom quälenden Juckreiz betroffen. Manche kratzen sich blutig – am Hals, an den Armbeugen, in den Kniekehlen, auch im Gesicht. Wenn Eltern zu ihnen sagen, „vergiss den Juckreiz einfach, je mehr du dich reinsteigerst, desto schlimmer wird es“, ist das zwar nett gemeint, hilft den Allergikern aber nicht. Früher wurde gegen Neurodermitis zumeist die Kortisonkeule geschwungen. Eine Überdosierung von Kortison führt zu Hautverdünnung und macht müde. Die heutigen Präparate sind nicht mehr so hoch dosiert, und können als Intervalltherapie gefahrlos auch bereits im Säuglingsalter verwendet werden. Zudem gibt es alternative Präparate, die kein Kortison enthalten.

Ursache für Neurodermitis können Hausstaubmilben, Tierhaarallergien, Pollen- oder Nahrungsmittelallergien sein. Bis der richtige Auslöser gefunden ist, verbringen Kinder viel Zeit beim Arzt. Viele fühlen sich unwohl, ziehen sich zurück, werden zu Außenseitern. Genau für diese Betroffenen ist vergangenen Herbst ein Kinderbuch auf den Markt gekommen. „Ville und Egon“ (Psymed-Verlag) erzählt vom kleinen Elch Ville, der von Flöhen geplagt wird, bis er sich mit dem Floh Egon anfreundet und lernt, trotz Plage glücklich zu leben. Uwe Gieler hat das Vorwort zum Bilderbuch geschrieben. „Die Kinder sollen lernen, mit der Allergie zu leben.“ Ziel ist es, die Gelassenheit und das Selbstvertrauen zu fördern.

Vielleicht tröstet es Kinder, die keine Haustiere halten dürfen, dass nicht nur der Mensch allergisch reagiert; auch Katzen, Meerschweinchen oder Hunde können betroffen sein. „Bis zu 30 Prozent der Haustiere haben Allergien gegen ihren Halter“, sagt Torsten Zuberbier von der Charité. Immerhin einen Vorteil hat der Mensch: Er kann den Kontakt mit den Tieren vermeiden, Katzen und Hunde haben es da schwerer ihren Besitzer loszuwerden.

Ville und Egon, Alf Andersson / Klaus Witt, 10,80 Euro, Psymed-Verlag, Hamburg, Preis:10,80 Euro. ISBN: 3-9807085-1-9. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Uwe Gieler und hilfreichen Hinweisen für Eltern.

„Weißbuch Allergie in Deutschland“ Urban & Vogel Medien und Medizin Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2004, Preis: 34,95 Euro. ISBN: 3-89935-182-7

Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.

Informationen zu Allergien, Asthma und Neurodermitis. Im Internet: www.daab.de. Beratungs-Hotline: 0 21 61 / 1 02 07 (Dienstag - Donnerstag: 9 Uhr 30 bis 12 Uhr 30 Uhr).

Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) www.aeda.de. In der Rubrik „Patienten-Informationen“ gibt es eine Ärzte-Suchmaschine und allgemeine Informationen für Allergiker.

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