Kultur : Wenn die Not am größten ...

ISABEL HERZFELD

Der Hungerstreik ist zu Ende, die Thüringen-Philharmonie Suhl besteht weiter / Berliner Sinfonie-Orchester reiste zur Unterstützung anISABEL HERZFELD"Ich mache weiter.Notfalls sollen sie mich hier raustragen", sagte Ariane Lauenburg mit trotzigem Gesicht.Die 33jährige Flötistin befand sich mit fünfzehn weiteren Kollegen im Hungerstreik, weil ihr Orchester, die Thüringen-Philharmonie Suhl, aufgelöst werden soll.Ihren beiden halbwüchsigen Kindern hat die alleinerziehende Mutter das erklärt - "und sie haben das akzeptiert, denn sie kennen unsere Situation ja auch nicht erst seit gestern". Seit sechs Jahren zittert Frau Lauenburg um ihren Arbeitsplatz.Eigentlich ist sie ein Opfer der deutschen Einheit, denn mit Suhl hat es eine besondere Bewandtnis.Weil andere dafür eigentlich besser geeignete Orte - etwa Meiningen - zu nahe an der deutsch-deutschen Grenze lagen, erkoren die Parteioberen das zwischen die Berge des Thüringer Waldes gebettete Städtchen zur SED-Bezirksstadt.So stand neben anderen Einrichtungen auch das Orchester unter der Hoheit und Finanzfürsorge des Landes.Laut Einigungsvertrag sollen die Länder aber nicht dauerhaft Träger der Orchester sein, und so soll jetzt die Stadt mit 51 Prozent Finanzbeteiligung in die Pflicht genommen werden. Die wies das bisher weit von sich, weil durch andere ererbte Verpflichtungen überfordert, etwa für die aufwendige Schießsportanlage."Sollen diese Fehlplanungen auf unserem Rücken ausgetragen werden?" empört sich Martin Balser.Der 25jährige Posaunist kommt aus Würzburg, und "im Osten" einmal in den Hungerstreik zu treten, hätte er sich nie träumen lassen.Doch die kollegiale Atmosphäre in diesem Orchester, "das durch den Druck der Lage immer besser wurde", ist ihm wichtig.So zog er nach den letzten Verhandlungen am 3.April, nachdem die Stadt die Übernahme der schlappen "für den Fortbestand in der jetzigen Qualität nötigen" sieben Millionen kategorisch abgelehnt hatte, auf das Matratzenlager im Probenraum des sanierungsbedürftigen Philharmoniegebäudes.Daß inzwischen das Land 3,5 Millionen zugesagt und die Stadt nun doch zähneknirschend 1,5 Millionen beisteuern will, reicht ihm nicht aus.Eine halbe Million könnte man vielleicht einsparen, aber nicht die nötigen zwei.Und Stellenstreichungen, gar die Reduzierung auf ein Kammerorchester, das alles käme nicht in Frage. Inzwischen wissen wir, daß es bei dem letzten Angebot geblieben ist, die Musiker aber trotzdem ihren elftägigen Hungerstreik abgebrochen haben, nachdem der Trägerverein ein Konzept zur Erhaltung der Philharmonie vorgelegt hat.Demnach soll der Restbedarf aus den zahlreich eingegangenen Spenden gedeckt werden, und auch ein erheblicher finanzieller Verzicht jedes einzelnen ist nötig.Erreicht wurde dies offensichtlich nur durch diesen extremen Schritt, den man gemeinhin allenfalls den Kalikumpeln zubilligte, aber doch nicht den feinsinnigen Künstlern.Da erwartete man kulturvollere Aktionen.Doch Unterschriftensammlungen, Protestkonzerte, alles hatte nichts genützt.Die Zusammenlegung mit Meiningen war überlegt worden - unsinnig, weil dort kein Bedarf bestand und ein Theaterorchester ganz andere Aufgaben hat.Die Hälfte der Musiker hätte gutbezahlt herumgesessen.Appelle, daß ohne die Philharmonie nicht nur Suhl kulturell veröden, sondern auch das Land an Renommee einbüßen würde, fanden kein Gehör.Vielmehr hatten die Musiker ihre Kündigung zum 31.Juli schon der Tasche, beantragte Oberbürgermeister Kummer die Räumung des Hauses, das er an ein Kinocenter verkaufen wollte. Der Verzweiflungsschritt, erzählt die 49jährige Oboistin Judith Grüner aus Ungarn, war nicht nur eine große körperliche - vier Kollegen mußten vorzeitig "aussteigen" -, sondern auch nervliche Belastung.Gerade am Anfang kam der Besucherstrom von frühmorgens bis tief in die Nacht; der Verlust des Privatlebens, familiäre Auseinandersetzungen und die Unsicherheit führten zu manchen Krisen.Doch wie die Gruppe dies auffing, das war auch "eine schöne Erfahrung".Und die unglaublich starke Solidarität natürlich.Da spendeten die Kinder des Sportzentrums Oberhof ihr Taschengeld, um Saft zu kaufen, oder eine arbeitslose Frau opferte zwanzig Mark.Der blumengeschmückte Flur ist mit Solidaritätsadressen tapeziert, auch der Bischof von Magdeburg war da.Und durchhalten konnte man das alles nur, weil es eben nicht nur um Arbeitsplätze ging, wie manche Bürger der Stadt vermuteten - "bei uns hat auch keiner gestreikt, jetzt ist das Orchester eben dran"."Wir hungern für Kultur" steht auf dem großen Transparent über beunruhigenden schwarzen Fahnen. Zur aktiven Solidarität gehört auch das Protestkonzert in der überfüllten Hauptkirche, zu dem das extra angereiste, ja auch nicht wenig bedrohte Berliner Sinfonie-Orchester eine trotzig-temporeiche Vierte von Brahms beisteuert.Und wenn dann, unterstützt von der wirklich sehr guten Philharmonie, die Singakademien Suhl und Berlin unter Achim Zimmermann "Selig sind, die das Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden" aus dem Deutschen Requiem von Brahms singen, ist wirklich jeder mit den Gedanken bei den Hungerstreikenden, die sich den Konzertbesuch nicht mehr zutrauen."Wir wollen hier auch Hoffnungsträger sein für die, die nicht die Möglichkeit haben, für ihre Interessen zu streiten", sagt der Klarinettist Jürgen Kühn, als CDU-Kulturstadtrat aus Protest zurückgetreten.Warum ausgerechnet immer wieder Klarinettisten unter den Wortführern für Orchesterbelange zu finden sind? "Vielleicht", lächelt der "nach einer Lösung" Hungernde, "weil wir den längeren Atem haben."

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