Kultur : Wenn die Uhren rückwärts laufen

HELMUT MAURO

Es gab ihn doch noch, den Festival-Höhepunkt.Ganz am Schluß, in einem zunächst unscheinbaren Konzert der Münchner Philharmoniker unter Leitung von Gerd Albrecht.Allerdings: Das Stück wurde bereits vor dreißig Jahren komponiert und es war auch keine neue Oper, sondern Allan Petterssons neunte Symphonie.Ein überwältigender Abschluß mit einem Werk, das skandalöserweise in München noch nie zu hören war, aber auch ein Armutszeugnis für die Münchner Biennale insgesamt.Denn alle großspurig angekündigten neuen Opern konnten sich nicht annähernd behaupten, hinterließen durchweg einen schalen Nachgeschmack.Selbst Vladimir Tarnopolskis "Wenn die Zeit über die Ufer tritt" erwies sich als zu dünnes Konstrukt.

Wie schon bei vorangegangenen Biennalen hatte man sich auf das letzte Stück gestürzt - in fast verzweifelter Hoffnung, nach allem, was vorangegangen war.Fast immer hatte man damit Glück gehabt und konnte am Ende befriedigt feststellen: Die Geduld der langen Abende hat sich gelohnt.Diesmal jedoch zerstob auch diese Hoffnung ziemlich schnell.Angesichts platter Regieeinfälle wie rückwärts laufende Uhren und weitgehend diffuse statt differenzierte Geräuschmusik mußte man die frohe Erwartung auf die nächste Biennale verschieben.Sätze wie "Die Liebe ist ein Gespenst.Ich liebe die Liebe.Ich fühle mich so alt, so uralt wie unser Jahrhundert." klangen in diesem Bühnenkontext auch nicht erheblicher als sonst.

Bisweilen beschlich einen der Gedanke, daß die Komponisten eigentlich kaum eine Chance hatten, ein wirklich bühnenwirksames Stück zu entwerfen.Denn die Vorgabe, eine Oper zum Thema "Wie die Zeit vergeht" zu schreiben, mutet schon etwas absurd an.Zeitgenössische Musik ist für sich in der Regel schon derart abstrakt, daß sie - wenn schon die Chance besteht, sie mit Bildern und Handlung zu ergänzen - unbedingt konkrete Themen braucht.Und nicht nur Themen, sondern auch eine packende Handlung.Was in einem Kinofilm an neuen Klängen und akustischen Experimenten möglich ist, kann auch auf einer Opernbühne funktionieren.Allerdings nicht, wenn die Fremdheit der Musik noch gesteigert wird durch Libretti, denen entweder der Charakter pseudowissenschaftlicher Traktate anklebt oder die so unironisch banal daherkommen, daß auch die Erwartung an die begleitende Musik merklich sinkt.

Dem künstlerischen Leiter der Biennale, Peter Ruzicka, gelang es nicht, diese vorhersehbaren Probleme zu vermeiden.Im Gegenteil: Durch seinen ebenso naheliegenden wie letztlich unpassenden Gedanken, am Ende des Jahrtausends über die Zeit selbst musikalisch nachzudenken, brachte er die Komponisten in eine Zwangslage - in einen Zustand geistiger Beklemmung, der in den Aufführungen überdeutlich hervortrat.In sich kreisende Konstruktionen, hilflose Texte, sinnschwache Bilder waren das Ergebnis.Musik als zeitabhängiges Kunstmedium scheint das Medium Zeit als Kategorie nicht reflektierend darstellen zu können.Dafür kann es durchaus spannend sein, in einem Stück den Aufbau der Harmonien oder das Entstehen einer Melodie darzustellen, so wie es gelingt, in einem monochromen Bild die Farbe Blau zum Ereignis zu machen.Ob man dieses aber ohne die Hilfe von Rauschmitteln drei Stunden lang anschauen will?

Möglicherweise.Aber von neuem Musiktheater darf man mehr erwarten.Dort muß etwas passieren auf der Bühne, und es muß den Zuschauer packen.Musikalisch, szenisch, inhaltlich.Sonst ist es kein Musiktheater, sondern eine Rauminstallation, bei der man dann aber die Gelegenheit haben sollte, nach Belieben ein- und auszugehen.Dies wäre durchaus eine Lösung aus dem Dilemma.Noch bis in unser Jahrhundert hinein war diese lockere Art des Opernbesuchs üblich.Unterhaltung statt Gottesdienst: Man schlich sich hinein, wenn eine große Arie anhob, man ging wieder, wenn der Textinhalt der Rezitative nicht interessierte.

Dieser zwanglose Zugang zur Opernkunst könnte vielleicht auch ein jüngeres Publikum anlocken.Denn auch diese Chance wurde bei der Münchner Biennale gründlich vertan.Der Anspruch wird zwar auf beinahe jeder Pressekonferenz im Zusammenhang mit Neuer Musik formuliert, aber eingelöst wird er höchst selten.Dies liegt nicht nur am Publikum, das sich im Großen und Ganzen auch diesmal höchst aufgeschlossen zeigte.Wenn man allerdings eine Biennale-Uraufführung so mit einem Opernabonnement einkoppelt, daß die Abonennten gezwungen sind, die Aufführung wahrzunehmen, dann verschreckt man mit dieser Art von Nötigung auch noch das interessierte ältere Publikum.Das sind fast schon Salzburger Verhältnisse, wo man die Karten zur Zauberflöte nur bekommt, wenn man noch einen Boulez dazu nimmt.

Vielleicht wäre es wirkungsvoller, sich für die Münchner Biennale auf nur eine Opernproduktion plus Beiprogramm zu beschränken.Auf ein Stück, über das dann wirklich geredet wird.Das Risiko eines Flops des ganzen Festivals ist damit natürlich viel größer - rein mathematisch gesehen.Die Erfahrung der jüngsten Biennale aber legt es nahe, dieses Risiko einzugehen.

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