Kultur : Wenn die Wirklichkeit dich überholt

Grau ist das Leben, bunt die Illusion: der ungarische Spielfilm „Versuchungen“

Hans-Jörg Rother

Am besten, man glaubt diesem Film nichts: weder die Geschichte um Marci (Marcell Miklós), der im allzu wohlbehüteten Mutterhaus ausflippt und auf der Suche nach seinem Vater ein zwölfjähriges Sinti-Mädchen (Julianne Kovács) überlassen bekommt, noch die Zauberkräfte dieser Juri, die dem Kinodrama zu einem bösen Ende verhelfen. Der Regisseur Zoltán Kamondi, der 1960 in Budapest geboren wurde, spielt gern den Grenzgänger zwischen bildender Kunst und Film und legt alles darauf an, eine symbolische, märchenhafte Wirklichkeit zu inszenieren. Das und der Kameramann Gábor Medvigy verbinden ihn mit Béla Tarr, nur dass Tarr („Verdammnis“, „Satanstango“, „Werckmeisters Harmonien“) tieftraurige Weltentwürfe erschafft, Kamondi aber gern die Puppen tanzen lässt.

Bei seinem dritten Kinoversuch, der auf dem Budapester Festival vergangenes Jahr als bester Film ausgezeichnet wurde, hat Kamondi, anders als früher, einen realitätsnahen Spielboden gezimmert: das eigentümlich isoliert stehende Haus der Unternehmer-Mutter (Juli Basti), der heruntergekommene Landwirtschaftsbetrieb des Vaters (Tarr-Hauptdarsteller János Derzsi), dazu eine fremdartige Polizeistation und eine Gefängniszelle, wo es beide Male sehr ruppig zugeht. Die groteske Überzeichnung war dem Regisseur die wichtigste Stilaufgabe, ein höhnisches Märchen zu erzählen das verborgene Ziel. Spätestens wenn Marci allein auf einem abgeernteten Feld sitzt, Zwiebeln schält und für drei Kisten davon die kleine Juri von deren Eltern geschenkt bekommt, ahnen wir den Subtext: die Geschichte vom „Hans im Glück“.

Doch statt einer goldenen Kugel hält Marci einen lebendigen Menschen in der Hand, mit dem der Computerfreak erst einmal Bankkonten knacken geht und den er am Schluss, nachdem das sexuelle Problem gelöst und die verräterische Freundin Elvira als strahlende Siegerin in das Haus eingezogen ist und auch mit der Mutter wieder Frieden herrscht, in ein Kinderheim abschieben will. Aber Vorsicht: Das Sinti-Mädchen kann zaubern. Sie verfügt über übernatürliche Fähigkeiten und zieht Marci, den braven Informatikstudenten, mehr und mehr in eine Schwindel erregende, immer abstrusere Geschichte hinein, bei der Wahn und Wirklichkeit schon bald nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Den Darstellern bleibt nicht viel mehr, als die Klischees auf die Spitze zu treiben, zum Beispiel dem aus Jancsó-Filmen bekannten Zoltán Mucsi als brutaler Kommissar. Viele Szenen wirken wie ein Witz, allerdings kein Witz, über den man lachen möchte. Denn die dahinter stehende neuungarische Wirklichkeit mit einer entfesselten Yuppie-Jugend, Pennern unter der Brücke und aufdringlichen Sintis ist ja durchaus aus der realen Welt entnommen. Zwischen Ernst und Spaß wechselt auch gern die Kamera, die für die Totalen Schwarzweißfilm, für Halbnah- und Nahaufnahmen dagegen Farbe verwendet, was viel Anlass zum cineastischen Grübeln gibt. Nicht allein der Inhalt, auch die Form der Darstellung wird unter den Händen des Ungarn Material für ein Spiel, bei dem der Zuschauer gewiss keine blendende Unterhaltung, wohl aber ermunternde Denkanstöße gewinnen kann.

Im Balázs-Kino, Karl-Liebknecht-Straße 9 (Mitte), täglich 18.30 Uhr.

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