Kultur : Wenn die Zombies Feste feiern

Ein Extremist des Theaters: Ivan Stanev inszeniert im Hebbel am Ufer ein Stück über Lulu, Hollywood und die Tragik von Schauspielerinnen

Peter Laudenbach

Es ist gar nicht so schwer, in Hollywood in die Nähe der Stars zu gelangen und ihnen ein bisschen ähnlich zu werden. Man muss nur bereit sein, ein paar hundert Dollar zu bezahlen. Und man muss tot sein. Auf einem kalifornischen Friedhof mit dem schönen Namen Hollywood Forever Cemetery haben nicht nur die Göttinnen und Götter des Stummfilms ihre letzte Ruhe gefunden, auch der Normalsterbliche kann sich hier beerdigen lassen. In seinen Grabstein wird ein Touchscreen eingebaut, berührt ihn ein Friedhofsbesucher, flimmern über den Monitor Lebensszenen und Abschiedsgrüße des Verstorbenen. Warhols Formel von den 15 Minuten, in denen jeder ein Star sein kann, wirkt hier hoffnungslos bescheiden: Was ist schon eine Viertelstunde, verglichen mit der Ewigkeit. So verschmilzt säkularisierter Totenkult mit den Glamourtechniken der Kulturindustrie – und plötzlich bekommt auch der Glanz der Hollywood-Stars etwas Morbides.

„Die Filmindustrie verwandelt Menschen in Bilder, das sind Zombies, Untote, die nicht leben und nicht tot sind", sagt der Theaterregisseur Ivan Stanev. Er ist von diesem Vorgang gleichzeitig fasziniert und abgestoßen.

Es ist typisch für den in Berlin lebenden Bulgaren Stanev, dass er bei den Recherchen zu seinem neuen Stück auf diesen HollywoodFriedhof gestoßen ist. Stanevs Stücke sind Assoziationsmaschinen, in denen archaische Rituale und Moderne, Trash und Philosophie umstandslos kurzgeschlossen werden. Seine letzte Inszenierung zum Beispiel, „Luxor Las Vegas“ in den Sophiensälen, mischte Nofretete, Las Vegas, Niklas Luhmann, bekokste Angestellte und den Weltuntergang zu einem schweren Cocktail, verwirrend, aber mit lang anhaltendem Dröhn-Effekt. In seinen früheren Arbeiten untersuchte Stanev, was passiert, wenn man die Absturzkneipe „Kumpelnest“ mit Stripperinnen aus dem Kit Kat Club und Theoriebrocken des Marquise de Sade konfrontiert oder wie Bataille, Wittgenstein, Artaud, der Pornostar Sylvia Rauch und die Fresken einer römischen Villa miteinander auskommen. Klingt anstrengend, ist aber meistens auch ziemlich lustig. „Wenn das Theater schon ein Totenfest ist“, sagt Stanev, „dann soll die Party der Toten wenigstens sexy, charmant und exzessiv sein.“

Stanev, Mitte 40 und sehr charmant, ist ein professioneller Außenseiter. Seine Stücke fühlen sich im Underground am wohlsten, in den Sophiensälen oder demnächst im Hebbel am Ufer. Ein einziges Mal hat er an einem großen Theater inszeniert, in den frühen Neunzigern, an der Volksbühne. Aber sein Stil war selbst für die Volksbühne zu heftig, die Inszenierung wurde ein Flop. „Die Staatstheater sind debile Irrenanstalten“, findet Stanev heute, „und der Oberarzt erstellt die Diagnosen des Marktes. Da funktioniert das Theater mit null Störung, wie ein Pizza-Service.“ Wie er das sagt, klingt es kein bisschen verbittert, nur etwas sarkastisch: nach dem Spott des Anarchisten, der überall nur Beamte sieht.

Dabei hatte Stanev nach seinem ersten Auftritt in Berlin alle Chancen für eine große Karriere. Als Westberlin im Winter 1988 Heiner Müller mit einem Theaterfestival feierte, zeigte Stanev im Hebbel-Theater seine Inszenierung „Die Wunde Woyzeck“: Das Gastspiel des unbekannten Regisseurs aus Bulgarien war ein Schock – und die Entdeckung eines Talents. Nach dieser Premiere blieb Stanev in Berlin, eine Zeit lang wohnte er bei Heiner Müller. Und obwohl er inzwischen so etwas wie Ruhm als Underground-Künstler genießt, ist er bis heute ein Fremdkörper im Kulturbetrieb der Stadt geblieben. Was nicht nur an seiner Herkunft und den exzessiven Momenten seines Theaters liegt, sondern vor allem an der Art und Weise, mit der er eine verwirrende Vielfalt von Theorien, Lektürefrüchten und philosophischen Brocken in seine Inszenierungen einspeist.

„Die Bücher waren meine erste Droge in Bulgarien“, sagt er über diese Gier nach Gedankengebäuden. „Ich musste wie alle zwei Jahre zur Armee. Das habe ich nur ausgehalten, weil ich im zweiten Jahr alles von Kant gelesen habe. Gegen das geschlossene Zwangssystem der Armee konnte nur ein anderes geschlossenen Denksystem ankommen.“

Stanevs neues Projekt, seine erste Inszenierung im HAU, fragt nach dem Preis der Kunst: Was passiert, wenn sich in der Gesellschaft des Spektakels alles Leben in Bilder verwandelt und die Menschen zu Darstellern ihres Lebens mutieren? „Das produziert tragische Figuren, die nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können. Das ist die Krankheit der Epoche“, sagt Stanev. Eine traurige Diagnose. Am Anfang der Arbeit stand der Schock über den Selbstmord einer jungen Schauspielerin, die vor einigen Jahren an einem kleinen Berliner Theater die „Lulu“ spielte – in Stanevs Stück trägt sie den Namen „Franca A.“. Die echte Franca war ein Ausnahmetalent und eine Künstlerin des Exzesses, bis zur Selbstzerstörung. Das Gespenstische an ihrer letzten großen Theaterrolle ist, dass sie so genau zu ihrem fürchterlichen Tod und den Grenzspielen zwischen Fiktion und Wirklichkeit passt: Frank Wedekinds Stück „Lulu“ handelt davon, wie sich ein Mensch in immer anderen Rollen, Männerfantasien, klischierten Bildern neu erfindet und verliert - eine postmoderne Identität avant la lettre. Stanevs Inszenierung „Hollywood forever“ will nicht weniger als ein respektvoller Moment der Trauer sein. Und ein Fest für die Toten.

Premiere im HAU 2 am Donnerstag, dem 29. April. Weitere Aufführungen am 30. April, 1.und 7. – 9. Mai. Jeweils um 20 Uhr.

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