Kultur : Wenn Dinge kaputt gehen, klingen sie schön

Der Avantgarde-Musiker Arto Lindsay hat für das Maxim Gorki seine erste Theatermusik komponiert

Peter Laudenbach

Letzte Woche war er noch in Brasilien, Anfang Dezember wird er mit seiner Band in Chicago spielen, aber jetzt sitzt Arto Lindsay im Zuschauerraum des Maxim Gorki Theaters. Zwei Schauspieler stehen etwas unschlüssig in überdimensionalen und grotesken Vogelkostümen auf der Bühne und singen. Sie singen seinen Song, eine schräge Vaudevillenummer, deren Melodie man nicht wieder vergisst. Und weil Lindsay das zu steif vorkommt, tanzt er den Vogelmenschen auf der Bühne vor, was er meint. Er schlängelt seinen schmalen Körper sehr groovy und sehr lässig durch die Noten. „How do you call this in german", fragt er und tippt auf sein Hinterteil. „You have to move this, when you sing the song". Die Schauspieler stehen immer noch etwas behäbig in ihren Federkostümen da. Arbeit, die Anstrengung und Qualen der Kunstproduktion sehen anders aus.

Sechs Tage. Mehr bleiben Lindsay nicht, um die von ihm komponierte Musik für Gertrude Steins „Doctor Faustus lights the lights" den Berliner Musikern und Schauspielern beizubringen, die das Stück lange, nachdem er die Stadt wieder verlassen haben wird, spielen werden. Doch ist Arto Lindsay alles andere als ein normaler Theatermusiker. Genau genommen ist es seine erste Arbeit im Sprechtheater. Mit Tanz hat er mehr Erfahrungen. Erst kürzlich hat er den Soundtrack für ein Stück von Mikhail Baryshnikovs New Yorker White Oak Dance Company beigesteuert – und einen Song mit der Punk-Ikone Debbie Harry von Blondie geschrieben. Legendär-kaputter Pop in einer der berühmtesten Ballett-Compagnien der Welt, „it was very funny". Im Gorki Theater könnte es auch „lustig" werden, Lindsay hat zwölf Songs für die Inszenierung geschrieben, meist charmanter Pop, den es unaufhaltsam zum Bossa Nova zieht, aber auch eine Punknummer ist dabei.

Lindsay, knapp fünfzig, ein höflicher, unglaublich präsenter New Yorker mit runder Intellektuellenbrille, schütterem Haar und federndem Schritt, ist ein unprätentiöser Bühnen-Arbeiter. Er macht den Animateur bis das, was da mit seiner Musik passiert, nicht mehr nach deutschem Stadttheater klingt, sondern leicht, vertrackt und voller Widerhaken und Fallen. Als in einer anderen Szene eine junge Schauspielerin, Bettina Hoppe, einen seiner Songs singt, wie er sich das vorstellt, klar, unsentimental und leuchtend, sitzt Lindsay begeistert im Zuschauerraum: „She is fucking wonderful." Was ungefähr bedeutet, dass sie wunderbar ist.

Michael Simon, der Regisseur des Stücks, hat Lindsay vor Monaten zur Mitarbeit eingeladen, und weil der Musiker Gertrude Stein verehrt („Sie war uns allen weit voraus"), ließ er sich auf das Projekt ein. Christopher Noodt, der musikalische Leiter, stellte in Berlin eine kleine Band für ihn zusammen und Lindsay schickte seine Songs als MP3-Dateien via Internet von New York ins Maxim Gorki Theater.

Diese Art der Kommunikation passt zu Lindsay, der die eine Hälfte des Jahres in Rio und die andere in New York verbringt. Er ist in Brasilien aufgewachsen, in den letzten Jahren hat er sein Post-Jazz-Noise-Universum ausgiebig um brasilianische Traditionen erweitert, ohne in die Gefilde einer weichgespülten Weltmusik abzudriften. Das Resultat ist nicht ganz unkompliziert. Die schönsten, elegantesten Melodien lässt Lindsay kühl im trockenen, übersteuerten Lärm seiner Gitarre implodieren. Vor zwei Jahrzehnten hat er auf der berühmten ersten Platte der Lounge Lizards, die die Grenzen zwischen Jazz, Filmmusik, Punk und Großstadtneurose neu definierte, mit derselben Gitarre John Luries lyrisches Saxophon hysterisch und nervös konterkariert. „Fake Jazz" hieß das damals. Davor hatte Lindsay mit seiner Gruppe DNA Klänge produziert, die der geschockte Rockkritiker Lester Bangs schlicht „horrible noise" nannte - „grauenvollen Krach“. Was Lindsay damals vermutlich als Kompliment verstanden hat, schließlich definierte sich DNA selbst am liebsten als „noise architects". Damals war die entscheidende Frage für Lindsay, wie etwas klingt, wenn es kaputt geht: „Es sieht so aus, als würden Dinge besonders gut klingen, wenn sie zerbrechen und sterben." Das „Wire“-Magazin bezeichnete ihn angesichts dieser Geräusch-Architekturen ehrfürchtig als „gefährlichsten Mann von New York“.

Neben Musikern wie John Zorn, Fred Frith und Bill Frisell war Lindsay in den frühen Achtzigern einer der prägenden Köpfe der New Yorker Avantgarde, einer intellektuellen Spielart des Punk - und eine Instanz. Er arbeitete mit Größen wie Laurie Anderson, Allen Ginsberg, Heiner Müller, der Wooster Group oder David Byrne zusammen, was zuweilen auch bizarre Folgen hatte. Zum Beispiel als die Filmregisseurin Susan Seidelman ihm für „Susan, verzweifelt gesucht" eine Rolle anbot. Es war der Film, der eine gewisse Madonna berühmt machen sollte.

In Berlin sind die Einstürzenden Neubauten für Lindsay ein Fixpunkt („Blixa ist ein Freund“). Die Berliner Elektronik-Künstler von to rococo rot faszinieren ihn und als er erfährt, dass einer der rococo-Musiker auch in der Band Kreidler mitgespielt hat, will er sich sofort alle Kreidler-CDs kaufen.

Nichts hasst der Konzeptkünstler mehr als schwitzenden Rock-Authentizismus und die Behauptung einer dumpfen Unmittelbarkeit. „Brechts Konzept des V-Effekts, der Verfremdung, war am Anfang eine wichtige Inspiration, die das Konzept von DNA unmittelbar beeinflusst hat: gegen Rockstartum, gegen Musik als Gefühlsmaschine. Wie Brecht Emotionen behandelt und Einfühlung unterläuft, ähnelt sehr der Art und Weise, wie meine Musik funktioniert." Und was für Brecht das Feindbild eines kitschigen Einfühlungstheaters darstellte, das sieht Lindsay in „Wim Wenders kind of artifical rock“ verwirklicht. „Ich kann alle diese Rockstars nicht ausstehen.“ Dagegen setzt er sein Mosaik musikalischer Versatzstücke, die Montage disparater Elemente und den schroffen Bruch zwischen sentimentalen und aggressiven Tonlagen.

Mit dem postmodernen Regiestil Michael Simons und mit Gertrude Stein verbindet ihn dasselbe Desinteresse an naiver Psychologie. Stein, so Lindsay, „untersucht die Struktur von Sprache. Es geht bei ihr immer um die Beziehung zwischen Struktur und Bedeutung. Das hat Parallelen zu meiner Arbeit, mich interessiert die musikalische Grammatik und was sie transportiert." Und ihn interessiert, wie die „deutschen Schauspieler mit ihrer perfekten Technik" mit seiner Musik umgehen. Einmal, während einer Probenpause, steht Arto Lindsay am Bühnenrand und singt ein glückliches „Yeah ... yeah ... yeah" in den dunklen, leeren Zuschauerraum. Es ist, als würde er dem alten, über Jahrzehnte verstaubten Maxim Gorki Theater in seinem Musik-Universum aus hartem Avantgardekrach, Bossa Nova, Soundcollage, Brecht und Ballett einen Platz geben.

„Doctor Faustus lights the light“, Maxim Gorki Theater, Voraufführung heute, Premiere morgen, und wieder am 24. und 29. November, jeweils um 19 Uhr 30.

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