Kultur : Wenn es Nacht wird in Berlin

Die Hauptstadt hat ein neues Klassik-Festival

Frederik Hanssen

Die Ohnesorg-Phase der Berliner Festspiele ist vorbei. Vor drei Jahren hatte Franz Xaver O. (damals 54) eine radikale Kehrtwendung der herbstlichen Festwochen erzwungen: Als Intendant der Berliner Philharmoniker erklärte er, ab sofort selber sein eigenes Festival zum Saisonstart veranstalten zu wollen. Schon wenige Monate später war Ohnesorg zwar schon wieder bei den Philharmonikern rausgeflogen, aus dem Egotrip wurde also nichts – nur die Festwochen hatten den Schaden und standen ohne ihren wichtigsten Kooperationspartner da.

André Hebbelinck, der künstlerische Leiter, versuchte aus der Not eine Tugend zu machen, brachte avancierte Kammermusik und zeitgenössische Opern in die Stadt – und holte sich eine blutige Nase. Zu wenig Glanz, befand Kulturstaatsministerin (und Festspiel-Geldgeberin) Christina Weiss, ein überflüssiges Extra in der reichen Neue-Musik-Landschaft der Hauptstadt, mäkelten die Fachleute. Also riss Festspiel-Chef Joachim Sartorius das Ruder rum: Ab Herbst 2005 segeln die Festwochen als „Musikfest Berlin“ wieder mit Kurs auf Event-Kultur – und im Windschatten der Philharmoniker. Sir Simon höchstselbst bemühte sich zur Pressekonferenz, um seiner Freude über die Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen und das Highlight des Festivals zu promoten: Janaceks „Jenufa“, sensationell besetzt mit Karita Mattila und Deborah Polaski, dirigiert von Rattle.

Zwischen dem 31. August und 13. September will Rattle so oft es geht selber im Saal sitzen, um die Musikfest-Gäste anzuhören: Neben dem Berliner Rundfunk- Sinfonieorchester (das Janaceks Opernerstling „Sarka“ bietet) und der Staatskapelle (mit Barenboim und Lang Lang) kommen das London Philharmonic Orchestra (Kurt Masur), die Tschechische Philharmonie (Zdenek Macal), das Chamber Orchestra of Europe (Thomas Adès), das SWR-Orchester (Sylvain Cambreling), das Concertgebouworkest Amsterdam (Mariss Jansons) und die New Yorker Philharmoniker (Lorin Maazel).

Gerade dadurch, dass man die Spitzenensembles einlädt, füllt das „Musikfest“ eine Lücke im Berliner Konzertkalender: Sich von Zeit zu Zeit mit dem Klangbild der besten Ensembles von außerhalb zu konfrontieren, ist für die Abonnenten der Berliner Orchester genauso wichtig wie für die hiesigen Musiker. Angesichts des extrem niedrigen Ticket-Preisniveaus können es sich aber private Veranstalter nicht mehr leisten, die Top-Orchester in die Hauptstadt zu holen. Das übernehmen die Festwochen jetzt mit Bundesgeld.

Dass aufgrund kurzer Vorplanungszeiten das Profil diesmal noch etwas unscharf ist, spiegelt sich auch im Plakat wieder, das ein verschwommenes Potsdamer-Platz-Panorama by night zeigt. Oder versteckt sich hier etwa als Rebus das heimliche Festivalmotto: Sie sind nachtblind? Dann machen Sie wenigstens die Ohren auf!

Der Vorverkauf startet heute. Infos: 254 89 100 oder www.berlinerfestspiele.de

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