Kultur : Wenn Frauen zu sehr lieben

Christian Schröder

Mehr als eine Liebschaft: Das im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Drama des Regisseurs Neil Jordan bietet überraschende WendungenChristian Schröder

Wenn Leidenschaften lodern, dann gerät die Welt schnell aus dem Gleichgewicht. Ein Mann und einer Frau in einem Hotelzimmer. Sie streicheln, küssen, liebkosen einander. Erst wackelt das Bett, dann wackeln die Wände. Und genau in dem Augenblick, in dem die Lust ihren Höhepunkt erreicht und die Frau einen spitzen Schrei ausstößt, erschüttert eine Explosion das Haus. Es ist - in dieser romantischsten Kino-Sexszene seit langem -, als fegte ein Orkan durch den Raum, der von den Liebenden ausgeht. Doch zugleich hat sie die Welt außerhalb dieser schäbigen Absteige, die sie vergessen wollten, wieder eingeholt. Denn draußen herrscht Krieg. Wir sind im London des Jahres 1940: Die Detonationen stammen von Bomben, die die deutsche Luftwaffe über der Stadt abwirft. Diese Liebe, die sich in einem Hotel verstecken muss, ist so groß, dass sie den Tod nicht scheut.

Der Film heißt "Das Ende einer Affäre", doch er schildert weit mehr als eine Affäre. Am Anfang hockt der Schriftsteller Maurice Bendrix in seiner Dachkammer und hämmert wütend auf seine Schreibmaschine ein. Ralph Fiennes verkörpert das Klischee des armen Poeten: Seine Schreibhemmungen bekämpft er mit Whiskey, und um ein Oscar-Wilde-Bonmot à la "Gute Menschen haben keine Geheimnisse" ist er nie verlegen. Vor zwei Jahren, im Krieg, hatte er eine leidenschaftliche Beziehung mit Sarah, der Frau seines Freundes Miles, eines langweiligen Beamten (Stephen Rea). Jetzt heuert er einen Privatdetektiv (Ian Hart) an, der herausfinden soll, warum Sarah ihn nach einer letzten Liebesnacht abrupt verließ. Julianne Moore stattet die Geliebte mit der kühlen Noblesse einer Marmorstatue aus: Niemand ahnt, was hinter ihrer blassen Stirn vorgeht.

Seit sich die Hauptdarstellerin seines IRA-Melodrams "The Crying Game" am Ende als Mann entpuppte, gilt Neil Jordan als Meister überraschender Wendungen. Auch "Das Ende einer Affäre" ist ein Film mit doppeltem Boden. So erweist sich der junge Mann, in dem Bendrix einen Rivalen vermutet, als Pfarrer, bei dem Sarah nur die Beichte ablegt. Souverän wechselt Jordan in seinem period piece die Zeit- und Erzählebenen. Weil die Wirklichkeit eine Medaille mit zwei Seiten ist, sehen wir die Schlüsselszene erst aus der Perspektive von Bendrix, dann aus der von Sarah. Eine Frau opfert ihre Liebe für das Leben ihres Geliebten: Das ist die sehr katholische Botschaft des Films, der einem Roman des zum Katholizismus übergetretenen Graham Greene folgt. Hat man sie einmal verstanden, ist der weitere Verlauf dieses Gottsucher-Dramas nur noch mäßig überraschend. Und die Figuren, die man eben noch zu verstehen glaubte, kommen einem unendlich fremd und fern vor.In neun Berliner Kinos, Originalversion im Cinemaxx Potsdamer Platz

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