Kultur : Wenn gelbe Monster den Milchbruder jagen

Von Neid und anderen Lastern: Joseph Epstein und Aviad Kleinberg listen die Todsünden auf

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Vor zehn, fünfzehn Jahren hatte das Böse Konjunktur, nicht im Leben, da boomt es immer, sondern in der Literatur. Rüdiger Safranskis Buch „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“ erschien 1997. Darin heißt es über die Erzählung der Ursünde von Eva und Adam in der Genesis: „Die Sündenfallgeschichte erkundet die Natur des Menschen und entdeckt, dass der Mensch nicht auf eine zwangsläufig wirkende Natur festgelegt ist. Er ist frei, kann wählen und kann sich auch verwählen.“

Seit sich Telefonnummern speichern lassen, kommt das Verwählen seltener vor. Doch steht hinter Safranskis lustig missglückter Formulierung der ernste Gedanke, dass der Mensch sich selbst in die Hand gegeben und die Freiheit ihm als Gabe geschenkt (und aufgebürdet) ist. Das muss bei der derzeitigen Fetischisierung „der Gene“ betont werden. Die Story vom Sündenfall lässt sich als Freiheitsgeschichte interpretieren und das Repertoire der Sünden selbst als Verlockung zur Unfreiheit.

Die sieben Todsünden sind neuerdings in Mode, nicht im Leben, da sind sie es immer, sondern in Ausstellungen und Büchern. Im Kunstmuseum Bern etwa läuft bis zum 20. Februar 2011 eine Sünden-Schau mit Kunstwerken vom 11. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bei Büchern ist zu erinnern an Wolfgang Sofskys im letzten Jahr bei Beck herausgekommenes „Buch der Laster“. Wagenbach veröffentlicht schon seit einiger Zeit kleine, charmant aufgemachte Todsündenessays, über die Wollust etwa, angeblich die „schönste Todsünde“, über die Völlerei und nun ein Bändchen über den Neid von Joseph Epstein. Bei Insel wiederum ist Aviad Kleinbergs „Die sieben Todsünden“ erschienen.

Epsteins Neid-Essay trägt den Untertitel „Die böseste Todsünde“. Das verknüpft ihn mit den Büchern über das Böse. Die moralische Wertung des Neids fixiert sich jedoch auf seine Psychologie und verliert seine soziale Funktion aus den Augen. Neid ist nicht bloß Gift zwischen den Menschen, sondern auch Kitt, der die Gesellschaft der Gier zusammenhält. Epsteins Text, ursprünglich im Auftrag der Oxford University Press entstanden, ist flott, zu flott geschrieben und von süffisantem, zu süffisantem Witz. Es ist das schnelle Buch eines Moralisten, der keine Zeit für soziologische Analysen hat. Zitate zu streuen wie Perlen beherrscht der 73 Jahre alte Chicagoer Publizist Epstein ohnehin routiniert. Und doch ist da nirgends ein funkelnder Gedanke, eine zündende Idee. Man liest bloß nach, was man schon vorher weiß: „Klammheimliche Boshaftigkeit, kaltblütige, jedoch verborgene Feindseligkeit, ohnmächtiges Begehren, gemeine Hinterhältigkeit und Gehässigkeit – all das bündelt sich im Neid.“

Auch Aviad Kleinberg, Geschichtsprofessor in Tel Aviv, knöpft sich den Neid mehr moralisch als soziologisch vor. Wie bei den übrigen sechs Todsünden (Trägheit, Wollust, Völlerei, Habgier, Zorn, Hochmut), geht für Kleinberg beim Neid nichts ohne den heiligen Augustinus.

„Nun sind ja Kindesglieder harmlos in ihrer Schwäche“, zitiert Kleinberg den Kirchenvater, „aber nicht so das Kindesherz.“ Das birgt, Erbsünde inklusive, schon sämtliche Sünden bis hin zum Neid: „Noch konnte er nicht sprechen“, schrieb Augustinus über einen Säugling, „aber bleich, mit bitterbösem Blick schaute er auf seinen Milchbruder hin.“ Kleinberg kommt schlingernd von Augustins selbstsüchtigem Säugling zu Richard Dawkins’ selbstsüchtigem Gen und resümiert: „Das ist die Natur des Menschen. Einige Menschen empfinden nur selten Zorn, andere sind unempfänglich für die Völlerei, und die Wollust schwindet oft mit den Jahren. Doch das gelbäugige Monster mit seinem heimtückischen Blick verfolgt uns von der Wiege bis zum Grab.“

In hübscher Resignation hingeschrieben ist das, wenn auch leicht farbenblind. „Green-eyed“ nennt Jago bei Shakespeare die Eifersucht, nicht „gelbäugig“, als er seinen Chef Othello heimtückisch vor dem monströsen Gefühl warnt, nur um ihn so weit in es hinein zu treiben, bis die schwarzen Mohrenhände sich um den weißen Hals der Desdemona schließen.

Kleinberg mustert die sieben Todsünden der Reihe nach durch, umrahmt von einem neckischen Einstimmungskapitel über „Sünde für Anfänger“ und zwei Zugaben über „Selbstgerechtigkeit“ und „Fortgeschrittene Sünde“. Er ist nicht ganz so verplaudert wie Epstein, aber auch ihm sind die moralischen, psychologischen und persönlichen Aspekte der sieben Sünden wichtiger als ihre sozialen Folgen und Funktionen. Er biete „einen Essay über die menschlichen Leidenschaften, einen persönlichen Blick auf die Impulse, die unser Leben wunderbar oder schrecklich machen – oder beides.“

Das ist sympathisch, aber auch etwas matt. Die Wollust etwa wird behandelt, als hätten wir immer noch Sex wie die Jäger und Sammler. Was nicht der Fall ist, denn Eros ist eine Kopfgeburt und die Kopulation kulturell kodiert. Es wäre interessant gewesen, die gute, altmodisch böse Wollust auch in Gedanken mit dem Zeitalter der biotechnischen Reproduzierbarkeit in Zusammenhang zu bringen, in dem sie in der Lebenspraxis längst steht. Aber Kleinberg schwebt wie Epstein lieber als gebildeter Geist über den Wassern, statt sich die Füße an der Wirklichkeit nass und die Hände an den sozialen Tatsachen schmutzig zu machen. Was fehlt, ist ein Laster- und Lästerbuch über die sieben Sünden, hochmütig, maßlos, gierig und geil, geschrieben im Zorn – doch nicht in der Trägheit des Herzens.

Joseph Epstein: Neid. Die böseste Todsünde. Aus dem Englischen von Matthias Wolf. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 123 Seiten, 9,90 €.

Aviad Kleinberg: Die sieben Todsünden. Eine vorläufige Liste. Aus dem Englischen von Christian Wiese. Insel Verlag, Berlin 2010. 238 Seiten, 19,80 €.

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