Kultur : Wenn Gott stirbt

Panorama: „Local Angel“, ein Essay über den Nahen Osten

Julian Hanich

Der Mann versteht seine Heimat nicht mehr. Er kommt aus der Neuen Welt zurück in das uralte Land – und will begreifen. Daraus entsteht ein Film. Ein tastender Essayfilm, der wie ein Puzzle zusammengestückelt ist aus politischen, künstlerischen und theologischen Fragmenten. Der in New York lebende Israeli Udi Aloni klaubt sich seine Puzzleteile wild zusammen. Aus Zitatfetzen von Gershom Sholem, von Kafka und von Walter Benjamin. Aus Diskussionen mit Universitätsdozenten und Intellektuellen. Aus Liedern israelischer und arabischer Künstler, aus denen das Pathos tropft wie warmer Honig. Palästinensische Rapper revoltieren – nicht mit Steinschleudern, sondern mit Wurfgeschossreimen. Aloni führt die bärbeißige Hanan Ashrawi und seine Mutter zusammen, die Friedensaktivistin Shulamit Aloni, die wie Don Quichotte gegen die Windmühlen der Gewalt ankämpft. Spannende Momente sind das, gefüllt mit Wut und irritierender Selbstgerechtigkeit.

Und dann tut Aloni noch etwas, was ihm unter konservativen Israelis keine neuen Freunde verschaffen wird: Er trifft sich mit Yassir Arafat und bittet um Vergebung. Ein Anfang soll das sein. Eine Geste. Sein Gegenüber – einst Terrorist, dann Friedensnobelpreisträger, jetzt zusehends Paria – nickt freundlich. Aloni will mit „Local Angel“ den Diskurs erneuern über den Nahen Osten. Diesen Diskurs denkt er in Symbolen: der sterbende Gott, die schmerzensreiche Mutter Gottes und Benjamins „Engel der Geschichte“, vor dem sich die Trümmer der Vergangenheit türmen. Es sind die Trümmer der himmelschreienden Tragödie im Nahen Osten.

Heute 17 Uhr, morgen 20 Uhr, Sonntag 14.30 Uhr (immer Cinestar 7)

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