Kultur : Wenn ich tot bin, möchte ich nur von Katzen träumen

Der Schriftsteller Günter Kunert wird heute 75. Sein Notizbuch zeigt ihn als heiteren Melancholiker und billanten Aphoristiker

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Vom SpiegelIch

Weder Menschenliebe noch Güte, weder Altruismus noch Edelmut haben die Kultur hervorgebracht, sondern vielmehr unsere niedrigsten Triebe: Ehrgeiz, Eitelkeit, Geldgier, Egomanie, Unsterblichkeitswahn. Deklarationen des Künstlers, er schaffe für seine Mitmenschen, sind nichts als eine wiederkehrende Alibibehauptung, welche bei näherem Hinsehen sich sogar als Selbstbetrug entpuppt. Der Glaube ist der Lüge Vater, der sein Kind in Unwissenheit über die eigene Herkunft läßt, damit es nicht zynisch werde und somithin seine schöpferische Potenz einbüße. Selbstbetrug ist eine notwendige Eigenschaft des Künstlers, ohne die er in der allgemeingültigen Tristesse des Daseins unterginge.

Vom Gedichteschreiben

Beim Gang durch den Garten fiel mir ein Satz ein: Die Toten hängen in den Bäumen. Vielleicht eine gedankenlose Assoziation an Radierungen von Goya oder an Fotos aus dem zweiten Weltkrieg mit den erhängten Partisanen oder Deserteuren. Der Satz haftete wie Pech. Während des Gehens memorierte ich unentwegt die Worte und empfand sie schon als Zeile für ein Gedicht. Anlässe für Gedichte sind oftmals minimal; dem Aufsteigen von Blasen aus dem Sumpf des Unbewußten vergleichbar. Irrlicht, Elmsfeuer, dem man ins Ungewisse folgt. Assoziation reiht sich an Assoziation. Wie hängen Tote an Bäumen? Wie Blätter. Und die Blätter schwanken im Wind, doch das wäre ein zu naturalistisches Bild, rückverweisend auf tatsächlich Erhängte. So mußte sich für die Toten an den Bäumen ein anderer Raum öffnen, eine andere Perspektive, deren Metaphorik den Ansatz nicht zerstört, sondern in einen anderen poetischen Bereich überführt. Derlei vollzieht sich jedoch nicht durch rationales Kalkulieren, sondern durch tastende Suche, durch Angebote, welche von der ersten Zeile ausgehen. Die Auswahl ist nicht groß. Und die Bindung zwischen den Toten und dem lyrischen Subjekt muß bewahrt bleiben. In winzigen Schritten, im Erproben möglichen Sinns soll endlich Geschlossenheit entstehen. Diese muß nicht unbedingt eine äußerlich formale sein, wie etwa durch Metrum und Reim bewirkt, sie kann sich auch durch den Grundgedanken ergeben, durch eine Stimmungslage, durch Imaginationsbasis. Dabei kann jede Bewegung das Scheitern des ganzen Gedichtes in sich tragen.

Von andern Schreibern

Anschreiben gegen die Zeit: das wäre eine Legitimation für das unaufhörliche Verfertigen von Sätzen. Aber die Zeit geht über den Dichter hinweg, zumindest seine Zeitgenossenschaft. Nur ist die Zeit, die historisch bedingte, in puncto Literatur keinerlei Gesetz unterworfen. Sie verwirft Autoren heute und holt sie morgen aus der Totenstarre oder dem scheinbaren ewigen Ruhestand an die Öffentlichkeit zurück. Während es für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, für wissenschaftliche Erkenntnisse und psychologische Einsichten Verfallsdaten gibt, ist die Literatur frei davon. Und das ist vielleicht ihre einzige Freiheit.

Von Träumen

Neulich ein Traum wie nie vordem. Ein Teufelssabbat. Um mich die Menschen und Dinge veränderten und verwandelten sich fortwährend in raschem Tempo. Was eben noch ein Stuhl war, wurde Schlange, Personen zu Gespenstern, Fratzen und Horrorfiguren, alles in größter Eile, ein Wirbel der Metamorphosen, dem ich kaum folgen konnte, so rasch vollzog sich der Wechsel. Nun ist mir klar, wie der Mensch des Mittelalters glauben konnte, an Zusammenkünften von Dämonen teilgenommen zu haben oder, als Frau, in Hexengestalt auf den Blocksberg geflogen zu sein. Nüchtern betrachtet vermute ich, daß der Spuk seine Ursache im abendlichen Rotweingenuß nebst anschließender Schlaftablette hatte. So stiehlt uns die pharmazeutische Kenntnis die Basis unserer Visionen und reduziert sie auf die Einwirkung chemischer Verbindungen. (Insoweit nehmen wir die Entzauberung der Welt bereits im Eigenheim vor!)

Von Katzen und andern Geschöpfen

Katzen sind Geisterseher. Sie sitzen da und starren auf einen Punkt, an dem wir, folgen wir ihrem Blick, nichts entdecken können. Eine Katze, vor uns auf dem Tisch sitzend, sieht an uns vorbei, ohne daß wir erkennen könnten, was ihr Auge erfaßt. Oftmals machen sie den Eindruck, sie könnten etwas wahrnehmen, was für uns keine Erscheinungsweise gewinnt. Etwas für uns Unsichtbares. Möglicherweise erscheinen ihnen die Geister ihrer Ahnen, aller Katzen, von denen sie herstammen, und sie halten mit ihnen stumme Zwiesprache. Man müßte Katzenaugen haben, um dem zu begegnen, was uns auf immer verschlossen bleibt.

Wenn ich tot bin, möchte ich nur von Katzen träumen.

Von Sex und Eros

Wer schreibt, spürt das Verlangen, zumindest irgendwann einmal, etwas Unanständiges, Gemeines, Widerwärtiges, Widerliches, Unaussprechliches hinzuschreiben. Hat man „Josephine Mutzenbacher“ oder ähnliches gelesen, wird einem die Schwäche der Sprache bewußt. Sie kann dem physischen Empfinden nicht gerecht werden. Der Sexualität ist die Artikulation fremd und fern, und wenn es doch zur Verbalität kommt, ist der Wortschatz mehr als eingeschränkt und auf die gröbsten Begriffe reduziert. Es handelt sich dabei wohl nur um Signalsätze, Aufforderungen, Befehle, Ankündigungen, bevor das noch Verständliche im Lautmalerischen aufgeht. Daher die Banalität von schriftlicher Pornografie und die Abstumpfung des entsprechenden Sensoriums bei wiederholter Lektüre. Einen der Sexualität adäquaten Lesestoff gibt es nicht. Vielleicht auch, weil die Umsetzung des Gelesenen bis ins Leibliche einen zu langen Umweg benötigt. (Darüber lassen wir mal Magnus Hirschfeld nachdenken.)

Vom Altern

Mit einem gewissen Erstaunen merke ich, daß ich wie mein Vater esse, zumindest in der gleichen Haltung, zu tief über den Teller gebeugt. Genauso saß er am Tisch, hob sich, wie es bei Carl Sandburg heißt, „mit dem Löffel Suppe in den Mund“, dabei den Blick starr auf den Teller gerichtet, daher die Lider gesenkt, was ihm den Ausdruck eines Schlafenden verlieh. Nur manchmal hob er den Kopf, seine hellen, wasserblauen Augen schienen nichts wahrzunehmen, dann neigte er sich wieder der Mahlzeit zu. War er dabei geistig abwesend? Oder gedankenvoll? Ging ihm etwas Wesentliches durch den Kopf, wobei das Essen zur automatischen Tätigkeit absank? Ich werde es nie mehr erfahren. Selbst durch meine ungewollte Mimesis entschlüsselt sich mir der banale, vielleicht ein Geheimnis bergende Vorgang nicht.

Vom Weltende

„Von der amerikanischen Raumsonde Pioneer 10 sind im Dezember wieder einmal schwache Signale empfangen worden: Demnach sind die Stromgeneratoren, die die beim Zerfall radioaktiver Isotope entstehende Wärme in elektrische Energie umwandeln, immer noch intakt. Pioneer 10 ist Anfang März 1972 zur Erforschung des Jupiters in den Weltraum gebracht worden. Ende März 1997 wurde die Mission der Sonde beendet; Pioneer 10 befindet sich derzeit 12,1 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Die Signale benötigen mehr als elf Stunden dazu, diese Distanz zu überbrücken.“ (FAZ)

Beim Start der Sonde war ich gerade in den USA. Vor dreißig Jahren. Auch ich gebe noch schwache Lebenszeichen von mir, insbesondere schriftliche, weil meine Mission noch nicht beendet ist. Auch bin ich nur, Kopf eingerechnet, einen Meter sechsundsiebzig von der Erde entfernt, was nicht bedeutet, daß die Signale meines Hirns weniger Zeit benötigen, um aufgezeichnet zu werden. Analogien überall. Das Wundern hat aufgehört. Alles ist kompatibel geworden oder meinetwegen paradigmatisch. Sela!

Vorabdruck aus dem am 20. März erscheinenden Buch von Günter Kunert, Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast. Aufzeichnungen. Herausgegeben von Hubert Witt.

© 2004 Carl Hanser Verlag München Wien

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