„Wenn ich zurückkomme, bin ich ein Anderer“ am HAU : Im Labyrinth der Lieder

Wahrheit ist relativ: In seinem Erinnerungsstück „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein Anderer“ im Berliner Hebbel-Theater inszeniert Regisseur Mariano Pensotti ein Spiel um Täuschung, Kopie und Plagiat.

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Tanz die Täuschung. Szene der Inszenierung „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein Anderer“.
Tanz die Täuschung. Szene der Inszenierung „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein Anderer“.Foto: Benjamin Boar

Die dunklen Jahre der Militärdiktatur beschäftigt die jüngeren Theatermacher Argentiniens immer noch. Eine wahre Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hat, bildet den Ausgangspunkt von Mariano Pensottis neuem Stück „Cuando vuelva a casa voy a ser otro“, übersetzt: „Wenn ich zurückkomme, bin ich ein Anderer“. Das Stück im Hebbel-Theater führt zurück in die siebziger Jahre: Aus Angst vor einer Razzia vergräbt der Vater, ein Gegner der Militärjunta, im Garten seiner Eltern alle belastenden Beweisstücke. Vierzig Jahre später kommen einige der Objekte ans Licht.

Pensotti hat diese Anekdote nun weitergesponnen. Wie ein Archäologe untersucht er die familiären Mythen, die sich um die heroische Vergangenheit ranken. Manuel, ein erfolgloser Regisseur, der sich mit Wahlspots für Politiker über Wasser hält, baut erst mal eine Kamera auf, um die Erzählung seines Vaters Alberto, einst Mitglied der revolutionären Volksarmee, zu dokumentieren. Die Wahrheit lässt sich dennoch nicht (be-)greifen. Pensotti entfaltet in seiner raffiniert doppelbödigen Inszenierung die Idee: Jeder ist ein Double seiner selbst. Die verloren geglaubten Objekte – eine Waffe, ein marxistisches Buch sowie andere Dokumente – ziehen hier auf Podesten auf einem Laufband vorbei. Doch ein Gegenstand bleibt rätselhaft: eine Kassette mit revolutionären Liedern.

Zwischen Original- und Coversongs

Nicht nur Alberto ist mit einer Vergangenheit konfrontiert, die sich nicht restlos entschlüsseln lässt. Auch die anderen Figuren des Stücks sind nicht die Personen, für die sie sich selbst halten. Manuel findet heraus, dass ein Doppelgänger sein Theaterstück „Der Fluss“ wiederaufführen will, mit dem er vor 15 Jahren seinen einzigen Erfolg feierte.

Natalia, die mit ihrer Indie-Rockband „Die toten Revolutionäre“ auf Hochzeiten spielt, entpuppt sich als Tochter des ermordeten Revoluzzers, dessen Lieder auf der Kassette zu hören sind. Als sie dessen Lied „Libertad“ aufnimmt, gewinnt sie damit den Wettbewerb „Die Superband“. Albertos Sohn Manuel, wiederum war so dreist, den Originalsong für den Wahlkampf eines konservativen Politikers zu verwenden. Und schließlich ist da noch Damian, der als linker Politiker mit rechten Mitteln die Wahlen gewinnen will und am Ende in einer paraguayischen Transvestitenband landet, die Beatles-Songs covert.

Pensotti inszeniert ein Spiel um Täuschung, Kopie und Plagiat

Mariano Pensotti montiert seine Stücke aus vielen fragmentierten und verschachtelten Geschichten. Realität und Fiktion durchdringen sich darin unentwirrbar. Der 41-jährige Regisseur zettelt ein ebenso intelligentes wie witziges Spiel um Täuschung, Kopie und Plagiat an. Pensotti entzieht seinen Protagonisten immer mehr den Boden unter den Füßen. Der Zuschauer tappt lustvoll durch ein Labyrinth, das an Borges denken lässt. Dabei sind es bewusst altmodische Theatermittel, die der aus Buenos Aires stammende Regisseur für seine archäologischen Tiefenbohrungen verwendet.

In seinen Stücken variiert Pensotti die Erkenntnis: Wir verändern unsere Vergangenheit, indem wir sie immer wieder neu erzählen. Während die ältere Generation sich ihren eigenen Mythos schafft, bleibt der Generation Youtube die Einsicht: Wir sind die Hauptfigur in einem Film, den jeder nachspielen kann.

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