Wenn im Frühling die Handys flöten : Bei dir piept’s

Da nisten Vögel in Textilien. Im Frühjahr besonders viele. Ständig pfeift es in den Manteltaschen der Menschen, wenn eine neue SMS hereinkommt. Ein Glosse über Flötentöne.

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Kiewitt, piep, piep. Diesem jungen Kiebitz ist elektronischen Flöten wesensfremd. Er kann Vogelsprache.
Kiewitt, piep, piep. Diesem jungen Kiebitz ist elektronischen Flöten wesensfremd. Er kann Vogelsprache.Foto: Roland Scheidemann/dpa

Dieses Flöten, dieses Pfeifen, dieses Zwitschern. Im Oberdeck des Busses, im Ruhewaggon der Bahn, in der Kassenschlange im Supermarkt. Da nisten Vögel in Textilien. Neuerdings besonders viele. Muss mit dem Frühjahr zu tun haben. Flöt flötflöt flöt flöööt. Alle Vöglein sind schon da. Was da keck aus der Hosentasche schmettert, das ist der Pfeifton eines Smartphones. Ganz leicht im Internet zu finden. Jahre alt. Und angeblich in der neuesten Auflage schon nicht mehr standardmäßig installiert. Doch so lange so viele das alte haben, markiert ein aufmunterndes Flöt flötflöt flöt flöööt das Eintreffen jeder neuen SMS.

Nun ist es eigentlich ein alter Meisenknödel, sich über Klingeltöne den Schnabel zu zerreißen. Was auch immer in der Tasche von Passanten losgeht, nimmt der urbane Alltagsstoiker gelassen hin. Höchstens, dass mal einer genervt die Augen verdreht. Sicher kann das Pfeifen nerven. Viel gravierender aber ist: Das muntere Signal lässt Schwärme von Assoziationen aufflattern! Die belagern sie das Gehirn wie die Saatkrähen das Feld.

Das Flöten, genauer der schmeichelnd- lockende, alarmierend-warnende, der melodiöse oder gellende Pfiff – das ist eine Kulturtechnik, die im Lärm der großen Stadt viel zu oft untergeht. Bauarbeiter, die Frauen nachpfeifen? Längst in Misskredit geraten. Kunstpfeiferin Ilse Werner? Auch schon tot. Hundehalter, die ihrem Liebling nachpfeifen? Hört doch eh nicht, der Racker. Eckensteher, die beim Bruch Schmiere stehen und den Kumpanen das Nahen des Schupos anzeigen? Gibt’s nicht, solche Bilderbuchräuber. Des Wachtmeisters Trillerpfeife? Da erklingt die des Schiedsrichters öfter. Der verrückte Neuköllner Papageien-Papageno, der seine gefiederten Gesellen sommers immer auf der Fahrradstange ausführt? Im März nicht zu sehen. Der Sportpalast, wo „Krücke“ beim Sechstagerennen den Walzer pfiff? Abgerissen. Peter Lorres Pfeifen in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“? Grauen, wie beiläufig klingen deine Flötentöne.

Dann lieber Pfeifen im Walde. Je dunkler, desto lauter. Überhaupt sich eins pfeifen, gerade als Mädchen. Am besten schön kräftig auf den Fingern. Den Männern hinterher. Oder den Vögeln. Gepfiffen wird, solange es Luft, Lippen, Zähne, Grashalme, Hohlkörper gibt. In der Steinzeit, im Alten Testament, in der Antike, der Renaissance. Nur auf der Theaterbühne, da soll es Unglück bringen. Unschöne Sache, so ausgepfiffen werden. Und an Deck eines Segelschiffs durfte nur der Bootsmann die Kommandos pfeifen. Sonst drohten den Matrosen Backpfeifen. In der christlichen Seefahrt gelten strengere Regeln als auf dem Oberdeck eines Berliner Busses. Hier, wo im Märzen die Kunststoffvögel in den Manteltaschen pfeifen. Flöt flötflöt flöt flöööt. Wie wäre es für die nächste Smartphone- Generation mal mit einem Pfeifsong? Etwa „Always Look on the Bright Side of Life“. Horcht, wie es die Spatzen von den Dächern pfeifen.

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